In guten wie in schlechten Tagen

Was die Leute nicht alles tun, wenn ihnen die Kneipen, Bars, Kino und (ganz wichtig!) der Fußball genommen wird. Ganz Deutschland räumt die Keller auf und kratzt wie verrückt Unkraut aus den Terrassenfugen, das jahrelang ungestört vor sich hin wuchern durfte. Die ganz Schlauen lernen endlich Geige spielen oder Finnisch. Kinder -endlich vom Joch der Schulpflicht befreit- werden verbisssen von ehrgeizigen Eltern zu kleinen Mozarts und Marie Curies geformt. Hoffentlich kommen dabei nicht reihenweise entzückende Charles Mansons heraus.

Menschen, die sonst aus humanitären Gründen im Kirchenchor ganz weit hinten bleiben müssen, stehen auf Balkonen und schmettern inbrünstig Arien, auf daß die Vögel aus Pein von den Dächern fallen. Andere Menschen klatschen dazu ergriffen Beifall und feiern einen ganz neuen Gemeinschaftssinn, den die Krise angeblich hervorbringt – der allerdings schon beim Klopapier jäh zu Grabe getragen wird.

Die emotional Bewegten feiern die Renaissance alter Werte, heulen aber zugleich, wenn das Geld knapp wird.

Und überhaupt…was machen die Leute mit der ganzen Hefe? Bislang war es für viele meiner Bekannten der Gipfel des „Selbstgemachten“, wenn sie eine Flasche fertigen Pfannkuchenteigs (hergestellt von einem promovierten Chemiker aus Ostwestfalen) in die Pfanne glottern ließen. Jetzt kaufen sie Hefe und Mehl wie von Sinnen und bauen sich vermutlich Sandburgen daraus.

Strandurlaub ist ja nicht.

Mir ist schlecht.

Hier am Kotten leben leider weder Genies noch Gutmenschen. Daran ändert auch Corona rein gar nichts. Ich bin schon froh, wenn nach der Krise die Bewohnerzahl die gleiche ist wie zuvor.

Finnisch? Fehlanzeige.

Geige? Besser nicht. Die Nerven sind auch so dünn genug.

Prinz Polen liegt in der Sonne. Unbeeindruckt vom Weltgeschehen wie immer. Ich greife nach der Leine. Nur raus hier, solang es noch erlaubt ist.

Aus dem Westflügel fliegt Möhrchen heran, mit glitzerndem Blick. Hinter ihr dieser Mensch, der auch hier wohnt. Ich mag ihn, wirklich!

„Gehen wir in den Wald?“

Ich seufze. Wenn andere Paare online-Tantra lernen, sollten wir ja zusammen spazieren gehen können.

„Ja.“

Möhrchen und Fritz sind begeistert. Es wird gekläfft, gesprungen und gehechelt. Grenzenlose Freude. Man könnte meinen, sie seien ständig in einem finsteren Loch eingesperrt. So übel ist es hier doch nun auch wieder nicht.

Gatte und ich quälen uns den Berg hoch.

Traute Zweisamkeit. Das sind bestimmt diese neuen Werte, dämmert es mir.

„Reicht. Ich geh zurück“, keucht er nach einer Weile.

Mein Plan ist offenbar aufgegangen, die Strecke ist dem Mann zu anstrengend. Verstohlen wische ich mir eine Schweißperle aus der Stirn und versuche, nicht allzu glücklich auszusehen.

„Och. Schade.“

Sein schräger Blick sagt mir alles und ich bringe ein wenig Sicherheitsabstand zwischen uns. Offenbar rettet „social Distance“ tatsächlich Leben. Ganz pragmatisch, die gute Angela.

„Fritz und ich gehen aber noch ein Stück“, verkünde ich und Gatte nickt.

„Bis gleich.“

Er zerrt sein verständnisloses Pelztier in die Abzweigung. Fritz winselt leise seiner Liebsten hinterher. Liebe muss schön sein. Was weiß ich.

Frischen Mutes geht es weiter, ich zerre den widerwilligen Romeo hinter mir her.

Oben auf der Wiese ist es wunderbar: die Sonne strahlt, das Gras wiegt sich in sachtem Wind und endlich hat auch Fritz seinen Trennungsschmerz vergessen. Uns entgegen kommt eine Frau mit drei kleinen Hündinnen im Schlepptau, die den stattlichen Prinzen direkt umschwärmen. Ich leine ihn ab und lasse ihn sich im Glanz der Bewunderung sonnen. Ein wenig Smalltalk mit der netten Frau, hübsch auf Abstand. Hach. Fühlt sich fast wie früher an.

Der Prinz schnuppert am Saum des Waldes, die braunweißen Damen folgen ihm. Er markiert wie ein Waldmeister. Die nette Frau fragt mich irgendwas zu Fährtenausbildung – sie kennt mich noch von früher. Ich bin ja ein echter Ausbildungsprofi.

Mag sein, dass ich ein wenig geschmeichelt war.

Gut möglich, dass die Sonne mich geblendet hat.

Vielleicht war da auch ein Einhorn im Wald und hat den Fritz gelockt.

Weiß der Teufel.

Als ich jedenfalls meinen Spaziergang wieder aufnehmen will, ist der Pole unsichtbar.

Noch bin ich nicht beunruhigt. Der Kleine jagt ja nicht. Außerdem ist er sehr, sehr brav! Und er hängt ja an mir, kein Zweifel!

Ich rufe. Gurre seinen Namen. Lockend zunächst, und (als ich seinen kleinen, pelzigen Hintern nirgends im Unterholz entdecke) dann lauter. „Hierher! Friedrich!“ Schließlich schlage ich mich selbst in die Büsche. Wo ist der Sack, verdammt noch mal?

Ich lausche, höre aber kein verräterisches Rascheln. Die verflixten Vögel schrillen und glotzen von oben auf mich herab. Einer davon lacht mich eindeutig aus. Mistviecher. Wartet nur ab, heut Abend malträtieren wieder Minderbegabte Eure Ohren! In Gedanken vergifte ich bereits Meisenknödel.

Angst tropft in mein Gemüt. Was, wenn Fritz irgendwo im Unterholz gestolpert ist und mit gebrochenen Beinen in einem Loch festhängt? Wenn er meine lieblichen Rufe hört, aber nicht in meine liebenden Arme kommen kann?

Was, wenn ihn eine bösartige Oma im Wald aufgelesen und mit Würstchen in ihr Häuschen gelockt hat, um ihn zu mästen? Hinter der Eiche erspähe ich das Einhorn, das sich an die Stirn tippt. „Geht Euer Corona aufs Hirn, Blondie?“ fragt es, bevor es sich kopfschüttelnd in Feenstaub auflöst.

Wieder rufe ich und nun höre ich selbst die Verzweiflung in meiner etwas zu grellen Stimme.

Da! Ein Laut!

Ich zucke zusammen. In meiner Tasche vibriert es. Den Bruchteil einer Sekunde frage ich mich, ob es der Prinz ist.

Fast. Es ist der Gatte. Seine Stimme läuft über vor freudigem Spott.

„Sag mal…vermisst Du jemanden?“

„Hast Du Fritz?“ stoße ich hervor, als ob er das kleine Pelzmonster entführt hätte.

„Sagen wir mal so…ich geh so durch den Wald und plötzlich spitzt Möhrchen die Ohren, guckt hinter uns und da kam er schon wie der Wind zu uns. Die haben sich gefreut, die zwei!“

Während ich noch überlege, ob ich einfach behaupte, wir seien ihm hinterhergelaufen, höre ihn lachen. „Der ist Dir echt abgehauen, was? Und zwar schnurstracks zu mir!“ Seine Überlegenheit quillt förmlich aus dem Hörer. Ich schweige.

„Na, kommst Du dann jetzt auch runter oder gehst Du allein noch ein Stückchen spazieren?“

Meine Kehle ist staubtrocken. Wie groß müsste eine Grube sein, in die ein erwachsener Kerl und ein kleiner Hund passen?

„Ich komme runter“, krächze ich und lege auf, bevor das Lachen auf der anderen Seite überhandnimmt.

Daheim am Kotten begrüßt Möhrchen mich stürmisch. Immer guter Laune, das Vieh. Fritz kommt leise wedelnd auf mich zu, schaut aber schräg an mir hoch. Hunde haben kein schlechtes Gewissen. Das weiß ich noch aus meinem ersten Leben als Ausbildungsprofi. Aber Körpersprache lesen, das können sie ganz offensichtlich.

Prinz Popel kann offenbar sogar Gedanken lesen und weil er am Leben hängt, hält er ein klein wenig Abstand. Macht man heute so.

Gatte hingegen hat keine Angst. Genüsslich reibt er Salz in meine offene Wunde. „Naaaa, wie ist das denn so, wenn einen der eigene Hund im Wald stehen lässt?“

In guten wie in schlechten Tagen.

Heut Abend werde ich auf dem Balkon stehen und singen. Nicht schön, aber sehr laut. Schlechte Zeiten für des Gatten Gehör.

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