Ich liebe Dich – Du liebst mich nicht

Fröhlich wandere ich durchs Bergische, Prinz Polen rast wie ein Irrer durch die bunten Blätter. Der kleine Kerl schaut alle paar Meter zurück, um sicherzugehen, dass seine Sonne (also ich) noch da ist. Seine Bindung zu mir ist vorbildlich. Da hat Amor alles richtig gemacht. Wir zwei sind ein Traumpaar, jawoll!

Der Mann mit dem Faible für ungarische Strassentiere hält sein Hundchen wacker am Strick. Ein wenig verdrossen sieht er aus. Die Wälder sind voller Wild. Möhrchen starrt in den tiefen Forst.

„Im Urlaub kannst Du frei durch die Dünen toben“, verspricht ihr der Gatte.

„Und Du büßt 10 Jahre Deines Lebens vor lauter Sorge ein, wenn sie 20 Minuten verschwunden ist? Stapfst missmutig vom Strand, um Dein Goldstück zu suchen? Malst Dir aus, wie sie mit gebrochenem Bein in einem Karnickelbau steckt? Hach. Das wird ein toller Urlaub!“

Der Blick, mit dem er mich bedenkt, versengt meine Nackenhaare. Töten will er mich nicht. Hoffe ich zumindest. Aber ich sehe, dass er sein Handy zückt und „Scheidungsanwalt“ googelt.

„Wollen wir die kleine Strassensch…prinzessin nicht lieber in Pension geben? Es geht ihr doch gut und sie liebt die anderen Hunde dort.“

Urlaub ohne Möhrchen? Noch dazu an der Nordsee, wo die kilometerlangen Sandstrände zum Toben einladen? Den Hund einfach abgeben, um selbst eine entspannte Woche zu genießen, während das geliebte Tier…

Ja, was eigentlich? Während das geliebte Tier bei freundlichen Menschen inmitten weiterer Hunde auf der Couch liegt, sich beim Hausherrn auf den Schoß mogelt und sich verwöhnen lässt? Offenbar ein schrecklicher Gedanke, den ich auf den Gatten mal in Ruhe einwirken lasse.

Es vergehen Wochen.

Wochen, in denen mir der Mann erklärt, warum es total bescheuert ist, den einen Hund mitzunehmen und den anderen „abzugeben“. Total ungerecht!

Ich nicke.

Undenkbar!

Ich nicke.

Was würden wohl unsere Freunde dazu sagen, das geht doch gar nicht!

Ich nicke.

Als die Herbstwoche auf Ameland nur noch einen Monat entfernt ist, krault Gatte dem Möhrchen den Pelz und schaut es nachdenklich an. „Wenn Du doch nur nicht jedes Mal in die Dünen verschwinden würdest.“

Ich bleibe stumm. Nach so langen Jahren ahne ich, dass der Gedankengang noch nicht zu Ende ist.

„Weißt Du, ich mache mir immer ganz schön Sorgen um Dich. Was, wenn die Jäger Dich erwischen?“

Möhrchen grunzt.

„Ob Anja wohl noch ein Plätzchen für die kleine Maus hat?“

Ich zucke mit den Schultern. Wenn ich das jetzt regele, bin ich im Ende schuld – das kenne ich doch.

„Vielleicht frag ich einfach mal nach…“, sinniert er und ich nicke still.

Ameland begrüßt uns mit kalter, strahlender Sonne. Als wir gleich am ersten Tag Richtung Dünen marschieren, spüre ich des Gatten Wehmut. Kaum sehen wir den sich im Wind wiegenden Strandhafer, zerreißt ein lauter Knall die Stille, dann ein weiterer. Die Jäger sind da. Vermutlich haben die Kugeln aber kein Karnickel erwischt, sondern des Gatten Trauer. Die ist nämlich mit einem Mal wie weggeschossen.

Am Abend, als Prinz Polen längst genüsslich am Kamin schnarcht, gibt mein Handy einige Töne von sich. Es sind Fotos aus der Heimat. Möhrchen liegt auf dem Schoss ihres Pensionsvaters und lässt sich mit verzücktem Gesicht den Hals kraulen.

Gatte ist hin- und her gerissen.

Am nächsten Tag folgen Bilder von Möhrchen, wie sie in inniger Umarmung mit einer Schnauzerhündin auf der Couch fläzt.

„Also, traurig sieht die nicht aus“, befinde ich und reiche das Foto an den Chef weiter.

Er lächelt ein wenig. „Die vermisst mich bestimmt trotzdem.“

Ich schweige. Durch die Stille hallen die Schüsse der Flinten von den Dünen herüber. Offenbar Jagdfest auf Ameland Ende Oktober.

Als ich Madame nach einer Woche aus ihrem Exil abhole, begrüßt sie mich freudig erregt. Ebenso wie übrigens alle anderen Hunde dort, die mich zum Teil noch nie gesehen haben.

Alle wedeln, springen an mir hoch und freuen sich. Hunde machen das so. Werkseinstellung.

Ein wenig plausche ich noch mit der Pensionswirtin. Das dauert Madame zu lange und sie trollt sich wieder auf die Couch zu ihrer neuen, besten Freundin. Als ich endlich gehen will, muss ich sie rufen. Ich habe den leisen Verdacht, sonst ließe sie mich glatt von dannen ziehen. „Netter Besuch, Alte, bis demnächst.“

Dann aber kommt sie doch und steigt auch ohne zu zögern in mein Auto. Glück gehabt.

Fazit: unsere Hunde lieben uns. Sicher.

Nur eben nicht auf die gleiche Art wie wir sie. Sie hängen an uns, sie fühlen sich wohl bei und mit uns. Aber wenn es ihnen gut geht, dann sind sie auch anderswo glücklich. Wir überschätzen unsere eigene Wichtigkeit wirklich gnadenlos.

Das ist letztlich auch gut so, denn Hunde müssen eben manchmal ein neues Zuhause finden und sei es auch nur auf Zeit. Kein Problem für die Viecher, sofern sie gut gehalten werden.

Eine bittere Pille, sicher.

Der Gatte musste sie schlucken.

Ich zum Glück nicht. Weil…bei Fritz und mir ist das natürlich was ganz anderes. Da ist echte Liebe im Spiel, ohne Zweifel. Das spüre ich einfach.

Während ich dies schreibe, liegt der kleine Prinz mir zu Füßen. Ich streiche ihm liebevoll über den Kopf und mir ist warm ums Herz.

Fritz furzt.

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