Typisch

Erst neulich zog bei uns ein neues elektronisches Gerät ein. Für solche Dinge ist bei uns -ganz typisch- der Gatte zuständig. Wie immer wird das Wunderwerk der Technik aus dem knisternden Plastik gezogen und nach einem bewundernden Blick ob der vielen Knöpfe unmittelbar in Betrieb genommen. Inmitten knirschender Styroporkugeln sitzt also ein erwachsener Kerl auf dem Boden, drückt auf Tasten, dreht an Reglern und probiert aus.

Die Gebrauchsanweisung liegt (zusammen mit dem nutzlosen Karton) auf dem Stapel Altpapier.

Braucht er nicht.

Lieber wird stundenlang gefummelt, ausprobiert und natürlich …geflucht, weil nichts auf Anhieb gelingt.

Eben typisch Mann, klar. Ich nehme an, dass derartiges Verhalten genetisch bedingt ist. Auf dem Y-Chromosom ist hinterlegt, dass Anleitungen für Idioten (sprich: Frauen) sind. Der Kerl an sich ist praktisch veranlagt und baut Schweden-Regale, Autos, Häuser, ja: ganze Imperien allein, intuitiv und vor allem ohne Anleitung und jegliche Hilfe auf.

Klappt im Weißen Haus ja auch, oder?

Man sieht also: es gibt die ganz typischen Eigenschaften, gegen die wir rein gar nichts tun können, weil sie eben genetisch programmiert sind.

Bei unseren Hunden ist das ähnlich. Oder?

Ein wenig Interesse an der Jagd haben die meisten Hunde schon aus ihrer Entwicklungsgeschichte heraus, immerhin wurde so vor Tausenden Jahren die Existenz gesichert. So habe ich auch unsere Schnauzer schon ganz possierlich und spielerisch das Pfötchen geben sehen, wenn sie in der Ferne ein Reh entdeckten.

Die Prinzessin allerdings hebt eine Pfote und erstarrt ansonsten wie gemeißelt zur Marmorstatue, sobald sie ein Beutetier wittert. Aus dem Nichts gleitet sie in ein anderes Universum. Entrückt starrt sie das Objekt ihrer Begierde an und nichts bringt sie zurück ins Jetzt, bis sie ihr genetisches Programm abgespult hat: lauern, springen, töten (oder eben möglichst ohne den Verlust ihrer Würde ans andere Ende des Gartens treideln, wenn sie erfolglos zusehen musste, wie die Maus in ihr Loch verschwindet).

Über ein Jahrhundert haben Menschen in die Zucht eingegriffen und so unsere Hunderassen entstehen lassen. Dabei wurden gewünschte Verhaltensweisen (und natürlich auch die Optik, nicht immer zum Vorteil der Hunde) bevorzugt, damit höchst spezialisierte Jagd- , Schutz- und Wachhunde, aber auch Begleithunde auf unseren Sofas und (leider) in unseren Zwingern Einzug hielten.

Nun wird in allen Hunderatgebern immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Border Collie in einer 2-Zimmer-Wohnung in Marzahn tendenziell nicht ganz so leicht zu halten ist wie auf einem Bauernhof in der Eifel. Kluger Ratschlag. Gilt aber im Grunde für jeden Hund. Es gibt sicher glückliche Hunde in New York, aber es ist schon ein wenig Aufwand nötig.

Hundeexperten empfehlen gewisse Rassen, die kinderlieb sein sollen und raten von anderen Rassen ab, im TV referieren Koryphäen darüber, wie sinnvoll die neuen „Rassemischungen“ sind, weil sie leicht erziehbar und kaum haarend sind.

Nun gut. Ich habe Hunderte Male erlebt, dass Schnauzer auf der Hundewiese als Rüpel gelten, weil sie beim Spielen knurren, raufen und die Zähne durcherregend fletschen, während Nachbars Labrador (ganz typisch) in jeder Pfütze badet.

Sicher: es gibt typische Eigenschaften.

Natürlich ist ein Jack Russel Terrier in der Tendenz ein wenig…sagen wir es positiv…lebhafter als der durchschnittliche Bernhardiner. Dennoch steckt in beiden ein Hund. Und als solcher haben sie beide zunächst einmal sehr viel gemeinsam.

Die Schnittmenge der Gemeinsamkeiten ist jedenfalls ganz sicher ungleich größer als der sie trennenden Charakteristika. Ein Beispiel aus dem Leben: innerhalb der Familie haben beide in Windeseile heraus, wie es klingt, wenn die Leckerchendose geöffnet wird. Nur dauert es beim Jackie eben eine halbe Millisekunde, bis er mit leuchtenden Augen und (sagen wir es freundlich) ohrenbetäubendem Gekläff angesaust kommt. Und beim Bernhardiner mag es fast eine Minute dauern, ehe er sich vom Sofa hochgewuchtet hat, um schaukelnd und mit herzigem Blick seinen Keks abzuholen.

Kein Mensch käme auf die Idee, seinen Rottweiler zum Windhundrennen mitzubringen, damit er dem Dummy hinterherwetzt. Ich erwarte vom Gatten ja auch nicht, dass er über meine pinken Pumps in Verzückung gerät – immerhin haben die verflixten Schuhe keinen Netzstecker und sind somit für ihn quasi nicht existent. Klar, es gibt Ausnahmen. Auch außerhalb von Köln, wie man hört.

Aber Leute!

Am Ende des Tages ist ein Hund eben einfach ein Hund und manches ach-so-typische Merkmal ist nur eine bequeme Ausrede.

Schon mal gehört, dass Dackel völlig unerziehbar seien? Totaler Bullshit.

Fakt ist, dass die meisten der taffen Teckel schlicht mehr Geduld und Finesse besitzen als ihre Eigentümer. Dumm sind sie jedenfalls nicht. Da ich selbst mit Fritz seit einiger Zeit einen Schnackel beherberge, weiß ich das leider nur allzu gut. Der kleine Kerl ist clever. Aber leider eben auch niedlich. Und diese Karte spielt er gnadenlos aus.

Ich rufe ihn. Er hört es natürlich. Ist ja nicht taub.

Natürlich kennt er das Kommando. Nur…er hat grad keine Lust. Oder eben was Besseres zu tun.

Um ehrlich zu sein: er hat einfach null Gehorsam.

Wo ich bei meinen Riesenschnauzern auf Konsequenz gesetzt habe und die Hunde erst von der Leine gelassen habe, wenn sie viele, viele Male abgesichert mit der Schleppleine und unter Ablenkung gehorsam auf Zuruf kamen, gehe ich Fritz und seiner kalkulierten Niedlichkeit auf den Leim. Es liegt also (um ehrlich zu sein) nicht an Prinz Polen und seiner Sturheit.

Gatte knurrt. „Dein Vieh gehorcht nicht.“

„Das sagst ausgerechnet Du. Wo Deine Jägerin keinen Meter von der Leine kommt.“

„Eben. Deshalb ist sie ja angeleint.“

„Er kommt ja gleich. Guck doch, wie süß. Er buddelt ein Loch.“

Typisch Frau halt.

Nie um eine Ausrede verlegen.

Und nun muss ich weg. Nägel lackieren oder Prosecco trinken oder so. Was Frauen halt machen.

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