Der Möhrder ist immer der Gärtner

Nein, das ist keineswegs ein Tippfehler. Ich hätte diesen Beitrag auch mit „Crimescene – CSI am Kotten“ betiteln können, denn seit gestern ist nichts, wie es mal war. Gut, Prinz Polen hat hier und da eine Maus gemeuchelt, aber was sich hier im Lichte der milden Augustsonne gestern zutrug, ist ein wahres Drama.

Gatte und ich trinken unseren Kaffee unterm Apfelbaum. Friedlich schaukeln einige Schmetterlinge in den Hortensien, Fritz sonnt sich im Gras und die Vögel zwitschern ihr Lied. Eine Szene, die harmonischer nicht sein könnte. Beinahe glaube ich, zwischen den Zweigen in der Bachaue das sagenumwobene Einhorn zu erblicken, aber das mag an der neuen Kaffeesorte liegen.

Im Gebüsch raschelt es und pfeilschnell stürzt sich die ungarische Pelznase ins Dickicht. Ab da geschieht alles wie im Rausch. Das Einhorn zerfällt zu Blütenstaub, die Vögel verstummen, das Bachrauschen ebbt ab. Ein kleiner Vogel flieht mit entsetzt ersticktem Quietschen vor dem haarigen Tod aus dem Busch. Statt aber einfach in sichere Höhen zu steigen, flattert das blöde Tier in Panik auf Nasenhöhe weg.

Nun ja. Nicht ganz weg.

Die Jägerin hetzt das Federvieh und holt es gnadenlos aus der Luft. Knack.

Mein tonloses Aufkeuchen kann den Vogel nicht retten.

Darwin hat zugeschlagen. Ein Blick auf den Gatten zeigt mir, dass auch er milde schockiert ist, als er den Vogel nur noch tot bergen kann. Er, der die Flatterviecher das ganze Jahr über mit Körnern versorgt und Plüschaugen hat, wenn die flaumigen Jungmeisen ihre ersten Flugversuche unternehmen, zuckt mit den Schultern. Macht auf supercool.

„Pft. Das Vieh war vermutlich krank. Oder einfach doof.“

„Bitte? An Doofheit stirbt man nicht“, spucke ich aus „sieht man doch in der Weltpolitik!“

„Na, dann hat Möhrchen eben ein weniger fittes Exemplar ausgemerzt. Keine große Sache. Und überhaupt, Dein Terrorkrümel hat schon Hunderte Mäuseseelen auf dem Gewissen!“

„Lenk nicht ab. Das sind immerhin Schädlinge.“

Gatte hat seinem Tod auf Pfoten die Leiche abgerungen und entsorgt sie fachgerecht im Mülleimer. Als sei nichts gewesen, liegen beide Hunde wieder im Schatten des Apfelbaums. Fritz dreht sich auf den Rücken und schubbert über die Wiese, Möhrchen leckt ihm über den Bauch. Still hoffe ich, dass sie da keinen Geschmackstest macht.

Alles ganz normal. Friedlich, könnte man fast meinen, aber trügerisch.

Manchmal ist der Möhrder eben nicht der Gärtner, sondern ein Möhrchen.

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