Der will nur spielen

Der Frühling ist am Kotten angekommen und beim Gang durch den Wald trifft man nun Menschen mit Hunden, die den Winter über offenbar im sonnigen Süden verbringen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich viele von denen noch nie gesehen habe.

 Bei Regenwetter ist es einsam im Bergischen, doch kaum kriechen die ersten Sonnenstrahlen über die Baumgipfel, sprießen auch überall Spaziergänger.

Ich bin allein mit der haarigen Osteuropa-Connection, denn Gatte schaut sich beruflich dort um, wo man gern mal Hund auf dem Teller statt auf der Couch hat. So trabe ich mit den beiden Fellviechern durchs Bergische. Die Jägerin darf ja immer an der Leine bleiben und bei Fritz entschließe ich mich in der Zeit ebenfalls für den Strick. Auch wenn es von außen ausschaut, als käme er immer mit wehenden Ohren, sobald meine liebliche Stimme erklingt – ich weiß: der polnische Prinz kommt aus reiner Höflichkeit und nur, um sich wahlweise etwas Liebe oder einen handfesten Brocken abzuholen. Ohne den Gatten, der die Prinzessin sicher verwahrt, bleibe ich auf der sicheren Seite und Fritz online.

Am Horizont entdecke ich eine Person mit zwei braunen Hunden. Kann jeder sein. Die Person wendet sich um und erstarrt. Die Hunde spritzen auf uns zu, ich höre ein verzweifeltes „Nein!“ und weiß: das sind zwei Tiere aus der Nachbarschaft, mit denen sehr schlecht Kirschen essen ist.

Was nun also tun?

Es besteht keinerlei Hoffnung, dass die Frau auch nur den Hauch eines Einflusses auf ihre Hunde hat, das weiß ich. Zumindest der Rüde, ein Shar Pei, ist ihr nicht nur körperlich deutlich überlegen.

Die Leinen zu lösen – das wäre eine Möglichkeit. Gut, die Prinzessin hat dann einen freien Nachmittag und mit viel Glück (sie trägt ihr GPS Halsband) kann ich sie heile irgendwo einsammeln. Prügeln wird sie sich nicht – sie ist eine direkte Nachfahrin Gandhis.

Fritz ist nicht unverträglich – aber anpöbeln lassen mag er sich so gar nicht. Und zumindest der Shar Pei ist ein Rüde mit Weltherrschaftsanspruch. Quasi der Trump der Nachbarschaft. Übrigens ebenfalls mit orangem Kopfputz und ähnlich ansprechenden Gesichtszügen.

Wäre Gatte bei mir, würde ich die Biester schlicht von meinen edlen Mischlingen fern halten, während der Mann des Hauses unsere Hunde ein wenig aus der Schusslinie bringt.

Ist aber nicht.

Gatte probiert vermutlich grad Hundegulasch.

Ich fürchte, ich werde zuschauen, wie welches gemacht wird.

Also lasse ich Möhrchens Leine nach vorn schnacken und hoffe, sie als Botschafterin des Friedens sorgt für gute Stimmung. Merkel könnte sich an ihr ein wahres Beispiel nehmen und jeder Gipfel stände unter friedvollen Sternen.

Die Trump und seine Speichelleckerin (eine halbblinde Schäferhund-Mischlingshündin) stürzen sich mit allen Zeichen von Tamtam auf die Ungarin, die ihr Geschäft beherrscht. Mit leicht abgewandtem Kopf präsentiert sie sich, die Rute minimal wedelnd und lässt sich abschnuppern.

Neben mir knurrt leise der größenwahnsinnige Pole.

Von der Leinenhalterin der Armada ist noch nicht viel zu sehen. Sie bemüht sich, heranzukommen, doch es gebricht ihr an Beweglichkeit. Ideale Voraussetzungen zur Haltung zweier großer Hunde, sollte man meinen. Doch ich muss mich korrigieren: da sie die Tiere ja nicht an der Leine hält, ist es ja kein Problem, diese nicht festhalten zu können.

Inzwischen wird Trumps Außenministerin auf Fritz aufmerksam, während Trump zum Glück noch schaut, ob er Möhrchen irgendwie sexuell belästigen kann.

Pünktlich, als die Schäfermixin beschließt, dass Polen nicht länger zur NATO gehören sollte, tritt die Leinenträgerin der beiden auf den Plan. Fritz lässt sich nichts gefallen und während die beiden ein hübsches Handgemenge abhalten, wird Trump an die Leine gelegt. Heidewitzka – nun bekommt die Nachbarin gut zu tun, denn natürlich will der große Präsident nun auch dem Polen an den Kragen.

Ich nehme Möhrchen kurz, damit daraus kein internationaler Konflikt wird und versuche, mit dem Fuß zwischen Fritz und Trump zu kommen. Endlich greift auch die Nachbarin ihrem zweiten Tier an den Kragen und schaut mich mit schrägem Grinsen an. „Huch – Adrenalin am Morgen!“

Da muss ich ihr Recht geben.

Nun ist es so: jeder Hund (auch jener mit allerbesten Noten in der Hundeschule) kann mal aus dem Gehorsam gehen. Wenn ich aber einen Hund mein Eigen nenne, dessen Hobby es bekanntermaßen ist, mit anderen Vierbeinern den Waldboden aufzuwischen – dann habe ich eine besondere Verantwortung.

Ich weiß genau, wovon ich spreche, denn ich selbst hatte lange Jahre eine Hündin, die am liebsten eine Schreckensherrschaft im Bergischen ausgerufen hätte. Nur: das habe ich zu verhindern gewusst.

Meine Tyga hatte exzellenten Gehorsam und dennoch durfte sie nur dort frei laufen, wo ich die Wege oder Felder einsehen konnte. Erschien am Horizont ein Lebewesen gleich welcher Art, so rief ich sie ab und leinte sie an. Übrigens hatte ich kein Problem, sie körperlich zu halten. Ein Vorteil meiner üppigen Bauart.

Halter von Hunden ohne Manieren und Gehorsam haben häufig den Spruch auf den Lippen: der will nur spielen. Wenn „er“ dann mal nicht nur spielen will und grob wird oder gar herumpöbelt, heißt es gern: das machen die unter sich aus.

Schön.

Fritz sieht das genauso – ich aber nicht. Erstens haben meine Hunde nichts unter sich auszumachen, denn ich entscheide, mit wem sie Kontakt haben dürfen. Dazu gleich mehr.

Zweitens ist es Schwachsinn für Fortgeschrittene, einen 5-kg Chihuahua mit einer Dogge etwas „ausmachen“ zu lassen.

Für mich ist das die hilflose Ausrede für: gehorchen tut der eh nicht und machen kann ich auch nix.

Wenn dann noch besagter Hund die 30-Kilo-Marke überschreitet, wird es schon kriminell.

Nun noch einmal dazu, warum ich selbst entscheide, mit wem meine Hunde Kontakt haben dürfen oder eben auch nicht. Es kann viele Gründe haben, warum mir jemand entgegenkommt, dessen Hund angeleint ist. Es mag etwa eine läufige Hündin sein. Grob unhöflich, dann seinen Rüden darauf zu rennen zu lassen, damit er „mal gucken“ kann.

Es ist möglich, dass der Hund alt und gebrechlich ist. Nicht jeder Oldie ist begeistert, wenn ein Jungspund ihm mit Karacho in die Knochen springt.

Schon mal von Zwingerhusten gehört? Das ist der Oberbegriff für höchst ansteckenden Husten. Auch andere sehr ansteckende Krankheiten oder Ungeziefer könnte das Tier am Horizont haben und daher an der Leine sein.

Zu guter Letzt gibt es auch unerträgliche Hunde. Sehr unverträgliche Hunde. Das ist sicher sehr schade – aber… wenn man einem verantwortungsbewussten Hundehalter begegnet, der seinen übellaunigen Hund an der Leine hat, um andere nicht zu gefährden…sollte man es ihm danken, indem man seinen Hund fröhlich um diesen Miesepeter herumspringen lässt? Siehste.

Ich finde es auch schön, wenn alle Hunde frei laufen, sich in den Wäldern begegnen und gemeinsam mit wehendem Haar über Blumenwiesen tollen. Es wäre traumhaft, wenn es dazu noch Marzipan regnen und Latte Macchiato in allen Bächen fließen würde.

Ist aber nicht.

Deshalb: wenn man einen Hund an der Leine sieht – leint man seinen Hund möglichst an. Wenn das eigene Vieh dann impertinent die Ohren auf Durchzug stellt und dennoch hinrennt, begibt man sich gefälligst in Lichtgeschwindigkeit dorthin und sammelt sein Tier ein.

Das ist ja wohl das Mindeste.

Jetzt geh ich mal ins Internet und besorge mir eine mannsgroße Vogelspinne. Die lasse ich dann frei auf Nachbars Trump zuspinnen und rufe „die will nur spielen!“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s