Kraftmeier

Laut Wikipedia ist ein Kraftmeier ein Kerl, der mit seinen Muskeln prahlt. Ein heute nicht mehr sehr gebräuchliches Wort, das auf einer Hundewiese allerdings häufig seine Daseinsberechtigung hätte.

Fritz ist mein erster Rüde und so kompakt er auch ist, beim Blick in den Spiegel erkennt er keineswegs einen kleinen, kastrierten Polen – er sieht sich als stolzen Herrscher über sein Reich nebst holdem Möhrenweib mit allem Pipapo.

Auf Spaziergängen meiert er hier und da andere Rüden an, sofern er an der Leine ist. Er bläst sich auf, seine Muskeln schwellen an und er hat einen feisten, gebieterischen Gang drauf, der besagt: „Ich bin Friedrich – und Du?“

Wenn ich sachte an der Leine telefoniere oder er gar abgeleint ist, spielt er meist freundlich mit Groß und Klein und ist so umgänglich, wie man es sich nur wünschen kann.

Daheim am Engelskotten allerdings bleibt sein Colt stets griffbereit an der Hüfte. Besucher mit vier Beinen erhalten nicht nur die Kostprobe eines Kläffkonzertes, sondern werden auch staksig umrundet und überaus kritisch beäugt.

Möhrchen, die sonnige Karotte, wedelt bei jedem Besuch, was das Zeug hält. Hey – ein potentieller Spielpartner! Wunderbar!

Fritz aber kraftmeiert herum.

Wenn es sich beim Eindringling um eine Hündin handelt, ist er meist schnell gnädig. Mag sein, das Mädel reiht sich in seinen Harem ein. Zwar protzt er noch immer mit seinen Muskeln und hält das Heft fest in der Hand, aber nach kurzer Zeit herrscht Frieden am Kotten.

Nicht so bei Rüden, oh nein!

Es begab sich also in jenen Tagen, dass der liebe Ludwig seine Mama Möhrchen besuchen wollte. An Weihnachten macht man das eben so.

Ludwig ist zu einem stattlichen, bergischen Jagdschnauzer mit über 30kg und mindestens 65cm Schulterhöhe herangewachsen. Zumeist freundlich zu andern Hunden, hat er aber inzwischen durchaus kapiert, dass sich Halbstarke nicht immer alles gefallen lassen müssen.

Luddi darf -stürmisch wie üblich- seine Mama begrüßen und die beiden erfreuen sich herzlich aneinander. Nach ein paar Minuten, als der erste Überschwang vergangen ist, darf Fritz mal gucken.

Die Kirchturmuhr schlägt 12 Uhr mittags.

Ludwig erstarrt bis auf das winzigste Zucken seiner Barthaare, als Fritz mit geschwellter Brust auf ihn zukommt. So muss sich Goliath gefühlt haben, als David sich ihm mit festem Blick näherte.

Das leise Donnergrollen, das ich höre ist nicht das „Lied vom Tod“, sondern entsteigt der rauen Kehle des mächtigen Polen.

„Gringo, das ist mein Kotten, mein Weib, mein Land. Was willst Du hier?“

Möhrchen wedelt sich beinahe ins Koma. Einfach toll, ihr super Fritzi und ihr Sohn Luddi – wie könnte ein Tag noch schöner werden?

Ludwig schaut verwirrt hinab auf das vor Energie vibrierende Fellkissen und räuspert sich: „Ich bin der Ludwig“, piepst er. Verdammter Stimmbruch, ausgerechnet jetzt! „Das da“, er schaut zur Straßenprinzessin „ist meine Mama und irgendwie bin ich hier zuhause.

Fritz blickt scheel zu ihm hoch. Schweigt.

„Ich…bin hier geboren, weißt Du und….“

„Halt’s Maul“, fährt ihn der zottige Haudegen an und springt dem verdutzten Ludwig in Richtung Kehle. „Interessiert mich nicht, wo Du aus der Eihülle gekrochen bist. Hier jedenfalls bin ich der König, klar?“

Ludwig guckt angestrengt zu Mama, die von den ungünstigen Vibrations zwischen ihrem heißgeliebten Lover und ihrem Sproß noch nichts mitzubekommen scheint. Dann dreht er ab, nur weg von dieser kleinen, haarigen Terroreinheit. So geht es ein Weilchen: Ludwig und Möhrchen rennen im gestreckten Galopp, Fritz brakt (jawoll, er rennt auf Plattdeutsch!) wie ein Irrer hinter den Beiden her und kläfft gebieterisch.

Wann immer Ludwig stehenbleibt und auch nur im Ansatz in Fritz‘ Richtung äugt, setzt es was.

„Guck weg, Alter!“

„Was willste, Du Opfer!“

„Zisch ab, Du Riesenungetüm!“

Prinz Polen ist nicht zimperlich. Meine verbalen Ermahnungen versickern ungehört im Erdreich, meine leichten Schubser perlen am Mini-Muskelprotz ab wie Butter an der Teflonpfanne.

Meine Freundin, Ludwigs Futterknecht, versucht es mal mit ganz vernünftigen Erklärungen. „Guck mal, Fritz, der Luddi ist doch hier geboren worden und das Möhrchen ist seine gute Mutter! Nun vertrag Dich doch mal mit dem Ludwig!“

Doch weder gute Worte noch ein deeskalierender Stuhlkreis fruchten.

Es dauert etwa 20 Minuten, dann hört man ein ungewöhnliches Geräusch. Ludwigs sehr langer Geduldsfaden reißt mit einem Ruck. Als Fritz ihn wieder einmal unprovoziert drangsaliert, packt der Jungspunt sich den polnischen Putin am Kragen und wirft ihn in 1a-Judomanier auf den schlammigen Boden.

„Mein lieber Scholli. Getz hab ich aber den Papp auf!“

Möhrchen staunt ob des Ruhrgebiets-Slangs, den ihr Sohn sich draufgeschafft hat, bleibt aber dem Ringkampf zum Glück fern. Statt einzusehen, dass er gegen den dreimal schwereren Kontrahenten keinerlei Schnitte hat und besser einfach stillhält (ich bin sicher, dann wäre nämlich Ruhe), dreht der Dreikäsehoch mit Karacho erst richtig auf. Fritz schnappt, knurrt, rollt mit den Augen und dokumentiert: ehe ich aufgebe, sterbe ich lieber!

Seufz.

Es ist ein Rüdenkampf. Laut, aber deutlich zu sehen: hier wird die ganz große Show gegeben. Wenn Hündinnen sich in die Haare bekommen, geht es ungleich stiller zu. Das liegt daran, dass Weiber (wenn sie es denn ernst meinen) meist wortwörtlich die Schnauzen voll haben.

Nach einer kleinen Weile reicht es mir und wir zupfen die Herren Kraftmeier auseinander. Das geht recht einfach, denn keiner der Beiden hat wirklich vom Esswerkzeug Gebrauch gemacht.

Nach dem Getöse zu urteilen, müsste ich für Ludwig mindestens Onkel Horst nebst Ambulanz rufen und für Fritz besser gleich ein Löchlein graben, doch eine Untersuchung der Streitgockel ergibt….wenig, fast nichts.

Fritz hat einen winzigen Ratscher unterm Auge, Ludwigs Klöten sind leicht gerötet. Außer der männlichen Würde gibt es keine Schäden zu beklagen.

Die Tochter meiner Freundin (Ludwig ist ihr heißgeliebter Augapfel) ist in schrecklicher Sorge, als sie von dem Eklat hört. „Oh Gott, wie geht es denn Luddi?“ Ihre Bestürzung füllt den ganzen Raum.

Ich räuspere mich. „Dir ist schon klar, dass Ludwig dreimal so schwer ist wie Fritz?“

„Na und? Dem Fritz trau ich echt alles zu!“

So recht mag ich mich nicht entscheiden, ob sie damit meinen süßen Schoßhund beleidigt oder auf das Podest hebt, das ihm zusteht.

Fakt ist: Kerle sind meist einfach lauter und derber als weibliche Wesen. Wo das Weib subtil schweigend ein Stilett führt und sogar mit Blicken unauffällig-elegant zu töten imstande ist, betritt ein Haudegen säbelrasselnd die Bühne und kündigt an, worauf nicht selten keine Taten folgen.

Ein Kommentar zu “Kraftmeier

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