Das Herz der Jägerin

Bestens gerüstet geht es mit Freunden und deren Riesenschnauzerhündin ins gelobte Land. Nein, nicht in den nahen Osten, sondern dorthin, wo die Sandstrände menschenleer, Hunde willkommen und der Wind rau ist.

Ameland.

Seit Jahren unser Refugium, um sich den Gedankenschmutz des ablaufenden Jahres aus dem Hirn pusten zu lassen. Wo könnte man nun besser als in der Abgeschiedenheit einer Insel testen, was geschieht, wenn die Straßenprinzessin frank und frei laufen darf?

„Entspann Dich“, sag ich dem Gatten, dessen Stirn in tiefen Sorgenfalten liegt. „Die kleine Schlampe weiß doch ganz genau, wie gut sie es bei uns…äh…bei Dir hat. Die wird mit den anderen Hunden am Strand entlang wetzen und sich ihres Lebens freuen.“

Gatte blickt sorgenvoll auf das friedlich schlafende Pelztier. „Aber wenn…?“

„Vertrau mir. Ich bin Profi. Über 20 Jahre Erfahrung bei der Ausbildung verschiedenster Hunde. Ich weiß, wie so ein Köterchen gestrickt ist. Die haut nicht ab. Wo soll sie auf der Insel auch hin?“

Gatte atmet schwer und nickt still. Null Vertrauen, der Mann!

Auf der Insel geht es durch die wunderbare Dünenlandschaft in Richtung Meer. Im Dünengras scheint die Sonne auf glücklich miteinander tollende Karnickelvölker. Pervers aufreizend räkeln sie sich im Sand.

La Carotte geifert.

Gatte -nicht grad zart gebaut- hängt wie ein Fähnchen an dem wild zerrenden Jagdvieh. „Die ist aufgeregt, alles neu und tolle Düfte. Wirst sehen: am Strand tollt die mit Lili über den Sand und denkt nicht an die Häschen.“

Gatte sagt nichts. Muss er auch nicht. Sein Blick sagt alles.

Möhrchen zerrt, sabbert, zieht.

Stiert entrückt auf diese felligen Mahlzeiten, die da höchst provokant miteinander in der Herbstsonne fangen spielen.

Ein kleiner Zweifel mit spitzen Zähnen setzt sich in meinen Nacken und beißt mich zart. „Das ist ein 1A Jagdhund. Kein Schnauzer, schon klar, oder?“ Ich wische das gehörnte Biest von meiner Schulter. Quatsch.

Am Strand ist alles perfekt.

Kalte Herbstsonne. Keine Menschenseele. Sand, wohin das Auge reicht und vier glückliche Urlauber. Dazu Lili, die reinrassige und bestens erzogene Hündin unserer Freunde. Sie rennt im gestreckten Galopp am Meeressaum entlang und sieht glücklich aus. Hach. Pure Lebensfreude!

Das möchte ich der kleinen Straßentöle auch gönnen. Und immerhin ist sie doch mittels GPS jederzeit wieder auffindbar, falls –nur falls, ich denke ja nicht, dass es nötig wird, aber….

Zögernd wandert die Hand des Gatten an den Karabiner, der Möhrchen vom Glückstaumel der Freiheit trennt. „Nun mach schon. Sie wird mit Lili um die Wette rennen und sich ihres Lebens freuen!“

Endlich das erlösende „Klick“ und zum ersten Mal, seitdem sie mir seinerzeit aus dem Auto entwischte, rennt die Ungarin frei. Sie streckt sich, läuft mit Lili an ihrer Seite und es ist so wunderschön anzusehen, dass mir das Herz aufgeht.

Lebensfreude pur. Grandios.

Als die Beiden sehr weit weg erscheinen, wird Lili gerufen und kehrt gehorsam auf dem Absatz um in unsere Richtung. Ganz nach Plan dreht auch das Fiee und ich will grad dem Zweifler herzhaft meinen Ellbogen in die Seite rammen und ihm ein „Siehste!?“ gönnen, als die Jagdtöle die Nase in die Luft hebt.

Ohne auch nur die Spur des Innehaltens ändert sie die Richtung. Der Dünenkamm scheint sie zu rufen, sie magisch anzuziehen und ich sehe, wie der Sand in hohem Bogen hinter ihr in die Höhe spritzt.

Den Zweifel hält es nun nicht mehr in meinem Nacken. Herzhaft bohrt er seine pfeilspitzen Zähne in mein Ohr und schmatzt wollüstig. Mir fehlt die Kraft, ihn abzuwerfen.

Ich rufe Madame nicht einmal. Ich weiß, wann ich verloren habe.

Gatte sieht ganz schrecklich grau aus im Gesicht. Er haucht „Möhrchen…“, aber es klingt eher wie eine matte Frage. Der schwarze Punkt erklimmt mühelos den Gipfel und verschwindet.

Still ist es am Strand. Bis auf das Brechen der Wellen ist nichts zu hören.

„Wollt Ihr sie nicht mal rufen?“ fragt zaghaft meine Freundin. Lili sitzt brav an ihrer Seite und ich sehe, das sie sich fragt, warum um alles in der Welt ihre Kameradin fort ist.

Gatte dreht sich um und schaut mich an. Tiefrot bin ich angelaufen.

Von wegen Profi. Offenbar bin ich eine Aufschneiderin. Mit zitternden Fingern klaube ich das Handy aus der Tasche. „Die kann nicht weit weg sein. Haben wir gleich. Jetzt können wir das Track-Dingens endlich ausprobieren.“

Gatte schweigt.

Minutenlang tippe ich auf dem Display herum. In Gedanken überschlage ich die Entfernung, die das Jagdfiee inzwischen vielleicht hinter sich gebracht hat. Ob sie es schon bis zur Fähre geschafft hat? Wann geht wohl das nächste Boot aufs Festland?

Als endlich Verbindung aufgebaut wird, sehe ich viele wirre Zickzack-Linien in dem Sanddorndickicht direkt hinterm Dünenkamm. Ich hoffe, meine Stimme zittert nicht allzu sehr, als ich sagen will, dass sie echt nicht weit weg sein kann. Doch als ich hochblicke, bin ich allein. Gatte ist auf halbem Weg zu seiner Liebsten und -aha- da ist sie schon, zurück hinab auf dem Weg zum Strand.

Ihre Zunge schleift über den Boden, sie pumpt, als hätte sie soeben den Iron Dog gewonnen und ihre Augen sind wahrhaftig entrückt.

Jagdfieber par excellence.

Statt sich über uns zu freuen, trabt sie zurück ins Rudel, quasi kommentarlos, und folgt uns in die nächste Strandbude, wo ich einen Schnaps trinke und ihr massenweise kleine Dornen aus dem Fell pule. Die ganze Zeit schaut sie verträumt in die Dünen.

Gatte würdigt mich übrigens ebenfalls keines Blickes und ich bin im Stillen froh darüber, dass er vor unseren Freunden kein Fass über meine offensichtliche Unfähigkeit aufmachen will.

Klingt vergnüglich. War es aber nicht.

Bei jeder Gelegenheit macht das Jagdvieh sich in der folgenden Urlaubswoche ohne zu Zögern davon und lässt kalt lächelnd Haus, Hof, Familie und Freunde zurück. Klar, sie bleibt nie lange fort. Sie entfernt sich niemals weit. Sie kehrt einfach zurück, jedes Mal, ein wenig geschunden, ausgepowert und stumm vor Glück.

Der Weg vom Ferienhaus durch die Dünen an der Leine wird zunehmend zur Qual. Möhrchen zittert bis in die Ohrenspitzen, hechelt, ist absolut nicht ansprechbar. Und sie zieht so vehement an der Leine, dass wir von der Flexi auf eine robuste Lederleine wechseln müssen.

Jagdfieber. Pur.

Natürlich gibt es da Trainingsprogramme. Es gibt wirksame Mittel, es gibt gute Methoden.

Nur – wozu?

Das Fiee hat das Herz einer echten Jägerin und wenn ich ganz ehrlich bin, ringt mir das Respekt ab. Es ist ihre Natur. „Nicht zu hetzen“ wäre für sie wie „nicht zu atmen“. Ich mag es ihr nicht abgewöhnen; weder mit noch ohne Gewalt, denn es ist schlicht ihre Natur.

Sie läuft daheim im Bergischen (wo nicht an jeder Ecke die Kaninchen ihre Show liefern) wieder brav an der Flex und im Garten darf sie nach Herzenslust frei toben.

Ich allerdings werde mir sehr gut überlegen, jemals wieder vollmundig zu behaupten, dass ich mich mit Hunden prima auskenne. Vielleicht ..aber nur ganz vielleicht… habe ich mal ein klein wenig was über Schnauzer gewusst, das war’s.

Der Urlaub ist Geschichte und auf der Insel leben die Kaninchen wieder sicher. Möhrchen ist natürlich wieder Herrchens Liebling und schnarcht abends genüsslich auf der Couch.

Doch mich täuscht sie nicht mehr.

Ab und an, im Schlaf, zuckt und wimmert sie fiebrig im Traum. Wenn sie dann erwacht, haben ihre Augen wieder diesen beinahe unirdischen Glanz.

Dann schaut sie mich an und ich spüre das Herz einer Jägerin.

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