Big Brother is watching you

Der gute George Orwell hat es kommen sehen.

1984 hatten wir alle Angst vorm Überwachungsstaat. Gegen die Volkszählung wehrten wir uns mit Händen und Füßen. Noch vor drei Jahren lehnte ich bei der Verlängerung meines Personalausweises vehement ab, dem Staat meine Fingerabdrücke zur Verfügung zu stellen. Was fällt der Merkel ein, und überhaupt und nicht mit mir!

Als ich kürzlich mein neues Telefon bekam, vertraute ich allerdings bedenkenlos einem Milliarden-Konzern kalt lächelnd gleich alle meine Fingerabdrücke an.

Inzwischen bezahlen viele Menschen gutes Geld, um sich von Mikrophonen mit klingenden Frauennamen rund um die Uhr abhören zu lassen. Ob Siri oder Alexa – unsere Gespräche in den eigenen vier Wänden sind schon lange nicht mehr so privat, wie wir uns das so denken.

Und weil es einfach nicht korrekt ist, wenn die Straßenprinzessin da das Nachsehen hat, suchte ich also auf Geheiß des Gatten nach einem geeigneten GPS Sender fürs Fiee. Da der Mann, mit dem ich hier wohne, für seine Liebste (hat jemand an dieser Stelle Zweifel, dass es die rassige Schwarzhaarige ist?) nur das Beste wünscht, bin ich letztlich beim Gerät der Firma PetTec gelandet. Billig ist das Dingens nicht, aber der große Online-Versandhändler (bei dem wir schon lange keine Geheimnisse mehr haben, da von der Zahnbürste bis zum Motorrad einfach alles dort gekauft wird) verspricht ja unkomplizierte Rücknahme im unwahrscheinlichen Fall der Fälle.

Aber: PetTec bewirbt sein Gerät mit „plug und play“ – was soll da schon passieren?

Mein Karma bekommt einen Lachkrampf. Ich bin nicht ganz sicher, aber manchmal nachts, wenn es ganz still ist, höre ich mein Karma leise gemeinsam mit Siri flüstern und kichern. Die zwei sind vermutlich beste Freundinnen.

PetTec liefert flugs und natürlich wird das kleine, sehr leichte Kästchen zunächst über Nacht aufgeladen. Derweil aktiviere ich die dort enthaltene SIM-Karte und lade die App auf mein schlaues Telefon. Gatte hat mit all dem Beiwerk nichts zu tun – er hat ja immerhin die Anweisung gegeben, dass die Prinzessin sowas braucht.

Mehr muss er an der Stelle nicht tun, ist klar.

Die App hat ähnlich autoritäre Anflüge wie mein Haushaltvorstand und befiehlt, ich möge mir ein Passwort ausdenken. Das ist ja heutzutage unerlässlich für alles, was man im Netz so macht. Die Daten sind so unsicher wie nie in der Menschheitsgeschichte, aber wir müssen für alles eine Menge Passwörter hinterlegen.

Mit mindestens 10 Stellen.

Zwei Zahlen.

Einem Großbuchstaben.

Und zwei Sonderzeichen.

Das ist enorm wichtig, damit das Knacken der Kennwörter auch Spaß macht und dem Jusa (Neudeutsch für Benutzer) vorgaukelt, seine Daten seien unknackbar, obwohl sie schon bei Eingabe zuverlässig von Siri, Alexa oder Amanda in alle Welt meistbietend verscherbelt werden.

Ich vergebe also „Möhrchen“, weil ich das für naheliegend halte und außerdem wenig Sinn darin sehe, das Ortungsgerät für die Straßentöle sicherer als Fort Knox zu gestalten. Wenn jemand den Code knacken und gucken möchte, wo das Fiee sich aufhält – nur zu.

Das System nickt bedächtig, fordert mich zur Wiederholung der Eingabe auf, damit ich Depp mich nicht verschrieben habe und bestätigt dann: gut gemacht, Nicole.

Hach, fühlt sich gut an, so ein elektronisches Lob!

Meinen Namen haben die entweder von der Aktivierung der SIM Karte (das rede ich mir ein) oder Siri hat direkt Bescheid gesagt, wer ich bin. Inklusive Steuererklärung, Schuhgröße und meiner mannigfaltigen Laster.

Am nächsten Tag hat das kleine Gerät genug Strom aufgesogen und ich möchte es mit der App „paaren“. Kann ja kein Problem sein: plug and play.

Das hieß bislang für mich: einstöpseln und los.

Vermutlich bin ich aber nicht up-to-date. Korrekterweise hieß es nämlich: plug and pray. Ich öffne also die App, die mich gestern noch so gelobt hatte und gebe artig das geforderte Kennwort ein. Ab hier hilft nur noch das Beten.

„Passwort und Gerätenummer passen nicht zueinander.“

Äh. Sind wir hier bei Parship oder so?

Erneut tipper ich herum.

Nix.

Versuche wider besseren Wissens alle Variationen von „mohrchen“ bis „Moehrchen“.

Nix.

Schalte das Handy ab und wieder an.

Nix.

Deinstalliere die App und lade neu.

Nix.

Also gebe ich auf und fordere einfach ein neues Passwort an. Das schrille Klingeln in meinen Ohren liefern Karma und Siri gemeinsam. Weibergelächter kann schrecklich grell sein.

Statt einer schnellen automatischen Mail nebst neuem Passwort erhalte ich irgendwann ein bedauerndes Schreiben des Customer-Service. Leider sei der zuständige Kollege auf Klassenfahrt…äh… Dienstreise und erst kommende Woche wieder im Haus. Dann nimmt man sich meiner aber sehr gern an.

Ich lese die Mail zweimal, bevor ich verstehe: die haben mich verwechselt. Immerhin hab ich ja gar kein kompliziertes Problem, ich brauch nur ein neues Passwort. Das schreibe ich denen auch.

Binnen 10 Minuten erhalte ich Antwort. Doch, erklärt nunmehr der Head of Customer Service, das sei total kompliziert, weil ja eine SIM Karte involviert sei. Da muss schon ein Spezialist ran.

Klar. Das verstehe ich natürlich.

Nicht.

Wenn ich das Kennwort meines schlauen Apfel-Telefons vergesse, schickt Siri mir ein neues, noch bevor ich es angefordert hab (sie hört halt immer so aufmerksam zu, die Gute!). Und soweit ich weiß, ist in meinem Schlau-Fon auch eine SIM Karte verbaut. So ähnlich erkläre ich das dem PetTec Service. Außerdem lasse ich fallen, dass es auch noch weitere Hersteller dieser Geräte gibt.

Da wird man offenbar dort ganz traurig. Als nächstes schreibt mir ein ganz hohes Tier: der „President of Customer-SatisfACTION“, dass das nun aber echt doof läuft. Der zuständige Spezialist ist leider echt voll auf einer anderen, wichtigen Mission unterwegs, aber man ist total bemüht, mich zufrieden zu stellen.

Das verstehe ich natürlich.

Nur hab ich keine Lust mehr, wenn es so schon anfängt.

Ich packe den PetTec Kram zurück in den Karton, sende diesen an den zerknirschten Kundenservice und bestelle ein Dingens namens Tractive. Das wird am nächsten Tag geliefert, geladen, mittels App verbunden und…läuft.

Einfach so!

Ab sofort erhalte ich immer eine Nachricht, wenn Möhrchen den „virtuellen Zaun“ rund um den Kotten verlässt (sprich: mit dem Gatten im Wald unterwegs ist). Außerdem bietet mir das System diverse, unverzichtbare Extras an: ich kann gucken, wie lange und wie weit das DreamTeam aus Prinzessin und Gefolge unterwegs ist. Streckenverlauf, Höhenmeter und Distanz sind da Kleinigkeiten.

Wirklich interessant ist, dass man unterwegs Fotos machen, einfügen und in alle Welt versenden kann. Außerdem kann man markieren, wo das Fiee sich erleichtert hat.

Kein Scheiß. Ganz echt.

Ganz ehrlich: Wer würde nicht gern täglich sehen, was bei uns so los ist?

Siehste.

Aber wie auch immer: das Tractive tut, was es soll.

Und der Special Agent von PetTecs Kundenservice? Hat mich tatsächlich um eine Rezension beim Onlineriesen gebeten. Und -hey- ich bin doch gern mal hilfsbereit!

Also hab ich geschrieben, dass das Dingens bestimmt ganz toll ist. Nur ausprobieren konnte ich es ja nicht, weil ich zu doof fürs Passworteingeben bin und es eben kein Neues gab.

Da war der Special Agent echt total fertig. Hat mir eine traurige Nachricht geschrieben, dass er mir gern einen Rabatt anbieten möchte oder sein Erstgeborenes oder eine seiner Nieren, wenn ich nur die negative Bewertung wieder herausnehme.

Dummerweise komme ich derzeit nicht dazu. Ich muss nämlich beim Tractive die vielen Haufen eingeben, die das Strassenluder hinterlässt. Die Haufen spiegeln wohl irgendwie Möhrchens Meinung zum PetTec Dingens wider.

Kann man nix machen.

3 Kommentare zu „Big Brother is watching you

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