Futtern wie bei Muttern

Ach, die Himmelstorte meiner seligen Schwiegermama! So herrlich sahnig und mit frischen Kirschen obendrauf. Gab’s so nur bei Schwiegermutti. Niemand sonst auf der Erde konnte so dermaßen lecker backen wie die Frau Mama. Sagt Gatte.

Ich schweige.

Aber mag sein, er hat Recht, denn sowas liest man ja in jedem zweitklassigen Pilcher-Roman.

Glaub ich. Les ich ja nicht. Und die Torte von Schwiegermutti kenn ich nur aus westfälischen Legenden.

Meine eigene Mutter hatte jede Menge irre tolle Eigenschaften. Backen gehörte allerdings so gar nicht dazu. Einmal -ich schwöre!- hat sie die Backofentür geöffnet und vor sich hin gemurmelt „wo geht es denn hier hin…?“

Man merkt also, ich fabuliere von Dingen, von denen ich ebenso viel Ahnung habe wie von atomischer Fisick (ruhig mal laut aussprechen, dann weiß man auch, wovon ich rede).

Jedenfalls war früher alles per se besser und bei Muttern war das Paradies auf Erden. So oder so ähnlich muss sich das der kleine Ludwig gedacht haben, als er neulich am Kotten zu Besuch bei Mama war.

Heia! Mit glänzenden Augen und hechelnder Zunge zieht der zarte, bestens erzogene 32kg-Braten sein Frauchen durch die Einfahrt, um so schnell wie möglich zurück zu kehren an den Ort seiner Kindheit. Es gab dort Näpfe voller Fleisch, Streicheleinheiten ohne Ende und obendrein die Mama.

Möhrchen!

Immer eine liebkosende Zunge, wenn die Geschwister garstig waren, immer ein Schlückchen warmer Milch parat.

Ludwig betritt also geheiligten Boden. Kaum hat er einen Fuß auf den Rasen seiner Kindheit gesetzt, überrollt ihn von der Seite eine schwarze Fellwalze. Empört schreit der Kleine auf, doch da ist es schon über ihm: das zottige Gesicht hechelt ihn an, zwickt ihn grob in den Hals und schüttelt. Ludwig schreit auf und wähnt sich dem Ende nahe. Er schließt die Augen und stellt sich tot.

Zum Glück. Denn Mama Möhrchen macht gleich klar Schiff. Sie riskiert nichts und macht bei allen ihren Blagen gleich deutlich:

„Das hier ist meine Stadt, Alter. Ich hab nicht aus Ungarn hier rübergemacht, barfuss, im Schnee wohlgemerkt, damit Du später wieder Deine Pfoten unter meinen Tisch stellst, kapiert? Alles meins hier.“

Ludwigs Unterlippe zittert leicht.

Wohin sind nur die wunderbaren Tage seiner Kindheit? Er fügt sich in sein Schicksal und der Druck an seiner Kehle lässt nach.

Möhrchen ist wieder ganz die Alte: sonnig, wohlwollend, sogar niedlich. Sie stubst Luddi freundlich mit der Schnauze an und im Nu spielen die beiden so schön miteinander, dass es eine Freude ist.

Als ich nach einer Weile den beiden Sonnenscheinchen ein leckeres Kaninchenohr spendieren will, läuft Ludwig der Sabber in Strömen aus dem Maul. Entrückt starrt er diese Fleisch gewordene Köstlichkeit seiner Welpenzeit an. Grad will seine Zunge das Manna berühren, da fällt sein Blick auf…Möhrchen.

Still stiert sie ihren Sproß an.

Der Worte sind genug gewechselt.

Ludwig klappt sein Maul zu und schaut betreten zur Seite. „Satt. Herrje, bin ich satt.“

Mama Möhrchen scheint zu nicken, schnappt sich beide Ohren und verspeist sie genüsslich mit Blick auf ihren schmachtenden Nachwuchs.

Fronten geklärt.

Merke: bist Du einmal ausgezogen, hält sich bei Haushunden die Familienliebe in Grenzen. Nein, die Mama erkennt ihre Blagen nicht auch nach Jahren wieder und wischt sich beim Wiedersehen die Tränen des Glücks aus den Augen. Wenn die Welpen weg sind, feiern die Hundemütter ein Fest.

Endlich Ruhe. Endlich nicht mehr teilen.

Taucht die Landplage später wieder auf, kommt es darauf an, ob das Hundetier seinen Nachwuchs nach dem Auszug regemäßig getroffen hat. Dann (und nur dann!) vergessen sie nicht, was sie einander sind.

Umgekehrt vergessen die Welpen übrigens niemals, woher sie stammen. Noch jeder Köter, der hier zur Welt kam, war halb wahnsinnig vor Glück, wenn er wieder Heimaterde schnupperte.

Ludwig und auch Else (deren neuer Name so fancy ist, dass ich ihn mangels spezieller Tastatur nicht schreiben kann) erleben es immer wieder, wenn sie uns besuchen.

Uns sind sie willkommen. Dem Möhrchen gelten sie als Spielkamerad.

Nicht mehr, nicht weniger.

Ludwig, hör auf, mit der Unterlippe zu zittern. Himmelstorte gibt es eben nur in westfälischen Legenden.

2 Kommentare zu „Futtern wie bei Muttern

Gib deinen ab

  1. Hallo Nicole,
    ich hatte nicht vor, mir schon am frühen Morgen ein neues Taschentuch zu holen, um meine Lachtränen aus den Aufenwinkeln zu reiben.

    Es ist jedesmal eine absolute Freude, deine Beiträge zu lesen. Danke dafür !!! Freue mich schon auf die nächste Episode …

    Sigi

    Gefällt 1 Person

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