Lob der Faulheit

Ich liege träge am Pool und möchte eigentlich nur dösen. Die größte sportliche Aktivität, die ich mir für diesen Urlaub vorgenommen habe ist das regelmäßige Stemmen meiner Kaffeetasse. Kaum spüre ich, wie mein Buch mir sachte aus der matten Hand gleitet, da zerreißt ein schriller Ton die vor Sonne flirrende Luft. Schmerzhaft falle ich aus der Liege auf die harten Fliesen und damit auf den Boden der Realität. Während ich kontrolliert habe, was sich hinter meinen Augenlidern so abspielt, ist ein Kerl mit grellbunten Shorts und Trillerpfeife am Beckenrand erschienen. Im Schlepptau hat der Kernige eine Badenixe, deren Kurven die anwesenden Rentner zum Röcheln bringen. Der Animateur. Mit der Ruhe ist es vorbei, es wird gehüpft, gedehnt, gestreckt. Sogar die Grillen verstummen ob dieser hektischen Betriebsamkeit.

Nun ja, ganz genau so ist mir das nicht passiert. Ich mache nämlich keinen Cluburlaub, schon gar nicht in Anlagen mit Animation – und zwar aus gutem Grund. Viel lieber packe ich meine Sachen, bereise schöne Landschaften, die ich auf gemächlichen Streifzügen kennenlerne. Fiee und Gatte sind natürlich dabei.

Laufen, schauen, rasten, genießen.

Die Pelztierbande ist im besten Alter, ihre neuen Besitzer mit allerlei Unsinn in den Wahnsinn zu treiben. Was liegt also näher, als mit dem Nachwuchs in eine Hundeschule zu gehen?

Löblicher Entschluss und so bekomme ich regelmäßig Berichte, Fotos, Fragen. Welche Methode nun die richtige ist, um dem Hund das Mindestmaß an Anstand beizubringen…darüber streiten sich die Experten, seit der Urvater Wolf sein Lager in der Höhle des Menschen aufschlug.

Ob nun Clickern, Futterbeutel, Lob, Ignorieren, Strafe, Spiel …irgendwie haben die meisten Herangehensweisen ihre Vorzüge und gewiss ihre Nachteile. Ebenso wie ich mich mit Integralrechnung schwer tue, haben auch Hunde ihre individuellen Talente. Bei meiner Tyga damals hätte ich unerwünschtes Verhalten bis zum drölften Motember ignorieren können, ohne dass sie es eingestellt hätte. In der Zwischenzeit hätte sie fröhlich die Regentschaft in Haus und Hof übernommen und bei milder Stimmung hätte sie mir sicherlich mal ein Stündchen auf meiner eigenen Couch zugestanden.

Distel verzweifelte wiederum, wenn sie fürchten musste, ich hätte ihr meine Zuneigung entzogen. Verfressen, verspielt, jagdlich interessiert – unsere Hunde sind ebenso mit individuellen Talenten und Vorlieben gesegnet wie wir. Es gilt also, für den eigenen Vierbeiner die richtige Art und Weise herauszufinden, ihm Erziehung zu vermitteln und das kann idealerweise nur der Mensch, der mit dem Tier gemeinsam lebt und ihn kennt oder kennen sollte.

Nun hat der Junghund also erfolgreich verstanden, dass Leineziehen blöd ist, weil Frauchen sonst Probleme mit der Schulter hat (ja, ich bin deutlich über 40) und hat auch die üblichen Turnübungen wie „sitz“ und „platz“ leidlich verstanden. Jetzt geht es also darum, den Hund zu beschäftigen.

Und an diesem Punkt kommen wir zurück an den Anfang.

Natürlich sollte der Hund ausgelastet sein. Langeweile ist tödlich und führt zu Beschäftigungen, die meist Renovierungsarbeiten nach sich ziehen. Das Fiee ist Expertin für Tiefbauarbeiten und ich hätte niemals gedacht, mal so dermaßen unkompliziert von meinem Garten aus bis nach Australien zu kommen.

Stöbersuche oder Agility, Obedience oder gemeinsames Joggen sind tolle Beschäftigungen mit dem Hund und für Viele auch schlichtweg der Grund, sich überhaupt einen Hund in die Familie zu holen.

Aber man kann es mit dem Animationsprogramm auch wirklich übertreiben. In Portalen, Foren und auf der Hundewiese werden Tipps ausgetauscht, wie man das Tier artgerecht auspowert und wie viele Stunden am Tag der Hund Auslauf haben sollte. Das kann bizarre Ausmaße annehmen.

Auf der Auslaufwiese treffe ich immer wieder eine engagierte Hundehalterin.

Ein echter Profi.

Während ich morgens das Fiee schnappe und die Leine an das mit Juwelen besetzte Halsband klicke (natürlich: Fiee frühstückt inzwischen bei Tiffany’s, wo sonst?) nur darauf achte, nicht im Hemdchen durch den Wald zu treideln, ist sie schon um 7 Uhr in der Früh im besten Wanderoutfit unterwegs: wasserdichte Stiefel, Tarnfleckhosen und natürlich die unvermeidliche Weste, die sie als Expertin ausweist. Jede der Taschen ist bestens gefüllt mit biologisch korrekt gestorbenen Fleischhappen, veganen Motivationsobjekten aller Art und um ihren Hals trägt sie lässig eine Hundepfeife. Ihr Hund, ein vergnügter Terriermischling, trägt selbstverständlich kein Halsband (das ist nämlich Teufelszeug, pfui), sondern ein Geschirr, auf dem jeden Tag ein anderer, sehr lustiger Schriftzug angebracht ist. Diese Frau ist ein Segen für die Hundewiese, denn sie sich kennt sich bestens aus. Tipps zur richtigen Fütterung sondert sie ebenso zuverlässig ab wie Informationen zum korrekten Umgang der Hunde untereinander.

Zielsicher kommentiert sie „Ja, Henry, die Möhre wird bald läufig. Da musst Du schön schnuppern.“ Und weil der Henry so super ist, macht er das dann auch. Ein Musterköter. Wenn ihr Henry mal wieder im Waldstück verschwunden ist, und sich ewig nicht blicken lässt, erklärt sie den übrigen Hundefreunden, dass der nun mal einen richtigen Freiheitsdrang hat, das sind eben Terrier.

Ach so.

Ich schlucke den Hinweis hinunter, dass Fieechen inzwischen kastriert ist, damit der Welpensegen nicht über mich kommt, aber egal. Wenn die Expertin das sagt, wird es stimmen.

Fiee wird bestimmt bald läufig.

Und nun die wichtigste Perle ihrer Weisheit: „Man muss am Tag mindestens 3 Stunden mit dem Hund spazieren gehen. Dazu kommt natürlich das Agi-Training und die Suchspiele. Total wichtig, sonst verkümmert der Hund ja. Nur Schutzdienst ist nix. Da werden die böse von.“

Horch auf, hier spricht die Kennerin.

Mit größtem Missbehagen beäugt sie meine Schlappen und meinen desolaten Aufzug. „Sie machen nichts mit Ihrem Hund, oder?“

Doch. Fieechen lebt mit mir. Den ganzen Tag. Manchmal laufen wir stundenlang durchs Bergische. An anderen Tagen liegen wir gemeinsam faul im Garten und gucken den Vögeln hinterher. Gatte surft mit ihr durchs Netz und kauft Hundetinnef. Häufig kommen Freunde mit anderen Hunden und dann wird getobt, bis den Pelztieren die Zungen auf den Boden hängen. Ab und an trainiere ich sogar mal etwas Gehorsam, aber das würde ich der Westenträgerin gegenüber niemals zugeben. Streng mustert sie meinen Schnauzerling, der genüsslich an einigen frischen Halmen Gras knabbert.

„Der fehlen Nährstoffe“, diagnostiziert sie ungefragt, aber zielsicher. Ich schweige. Fiee frisst aus purer Lust auch mal ein Stück Käsebrot aus dem Müll. Straßenschlampe eben.

Dann wendet sie sich einem willigeren Opfer zu und ich verfolge mit zunehmendem Erstaunen, welches Animationsprogramm die beiden Damen ihren Vierbeinern täglich zukommen lassen. Stundenlange Spaziergänge, Stöbersuche, Hürdensprünge, Mantrailing, Frisbeewerfen. Dazu zweimal wöchentlich ein biologisch-dynamisches Treffen bei einer Trainerin und Tierkommunikatorin.

Fieecherl gräbt derweil ein Loch am Waldrand und suhlt sich im Dreck. Die beiden voll animierten Hunde kommen interessiert dazu und lassen sich anstecken. Hunde, die sich ihres Lebens freuen. Nicht mehr, nicht weniger.

Nun mal ganz deutlich: Natürlich gibt es unterforderte Hunde, die einmal am Tag in der Betonwüste ihr Geschäft verrichten müssen und ihrem Bewegungsdrang nicht nachgeben können. Diese Tiere sind bedauernswerte Geschöpfe, gar keine Frage.

Beschäftigung mit dem Hund, gemeinsames Tun und Erleben ist eine wunderbare Freizeitgestaltung – das wird auch kein vernünftiger Tierhalter bestreiten.

Aber schräg wird die Sache doch dann, wenn Beschäftigung zum Selbstzweck wird. Wenn von hyperaktiven Hunden die Rede ist und wenn Hundehaltung zum Ganztagsjob mutiert.

Leute!

Schaltet doch mal einen Gang zurück!

Unsere Hunde verdienen soziale Interaktion, Bewegung und gesundes Futter. Aber sie brauchen keinen Animationsplan, keine grammgenaue Gaben freiwillig gestorbenen Rinderfilets und keine Ballettstunden.

Manchmal scheint mir, ein Hund möchte auch einfach mal im Garten oder Hof liegen, träge mit einem Auge auf den Briefträger warten und ansonsten das grellbunte Animationsprogramm an sich vorbeiziehen lassen. Genau wie ich im Urlaub.

Unsere Vierbeiner sollten kein Vehikel für unsere Eitelkeit sein.

Ein Hund ist ein Hund. Mein Fiee ist ein Köter. Und mir reicht das völlig aus.

Auf der Wiese hat die Weste inzwischen eine Schar Jünger um sich versammelt, die an ihren Lippen hängen. Sie erklärt, warum die handgeklöppelten Zerrseile so extrem nachhaltig sind.

Voll wichtig, is klaa.

Ich schnappe mir meine Leine. Leder. Nicht vegan. Aus Tierhaut. Uralt, sicher über 30 Jahre und vom langen Gebrauch weich. Heutzutage politisch völlig unkorrekt. Der giftige Seitenblick der Expertin mit den Ökoleckerchen perlt an mir ab. Ich verkneife mir den Hinweis, dass die Teflonbeschichtung ihrer Profihose vermutlich die Meere noch vergiften wird, wenn sie schon lange im Himmel vegetarische Hundewürstchen kocht.

Es wird Zeit, die Hundewiese zu verlassen. Die Couch ruft; und zwar mein Möhrchen und mich. Dazu esse ich dann ein Schnittchen und meine Straßenprinzessin bekommt ein Scheibchen Fleischwurst.

Voll unkorrekt.

Aber lecker.

Ein Kommentar zu „Lob der Faulheit

Gib deinen ab

  1. Der ebenso heitere wie lebenskluge Höhepunkt des entspannten Textes: „Sie machen nichts mit Ihrem Hund, oder?“

    Doch. Fieechen lebt mit mir. Das könnte auch jeder Eckensteher zum vorbeihetzenden Jooger sagen, der ihn mit abschätzigen Blicken anklagt: „Hast du nichts besseres zu tun?“Doch: Leben und … leben lassen.

    Gruß
    Phileos

    Gefällt 1 Person

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