My home is my chalet

Es ist Ruhe eingekehrt am Kotten: die Pelztierbande ist mittlerweile ausgezogen und hat sich in alle Winde verstreut, um nun andere Haushalte zu verwüsten. Gerüchten zufolge hat Willi seiner Schwester Bärbel bereits das Ohr blutig getackert und von Ludwig hörte man, dass ihm die Autobox nicht genehm war. Konsequenz: das Ding wurde fachgerecht zerlegt. Else (das Tier wird ständig umbenannt und wir bleiben der Einfachheit halber beim werksseitigen Namen) betätigt sich als Gartenbauarchitektin und ist sich auch nicht zu schade, stets selbst Hand anzulegen, wenn es um Erdarbeiten geht. Ganz die Mama.

Man sieht also: alles ganz normal.

Und die Straßenprinzessin?

Das Fiee (ich erhebe Anspruch auf diese Neukreation, weil es auf grandiose Weise die Worte „Vieh“ und „fies“ verknüpft!) nutzt die Zeit, um sich zur Königin vom Kotten ausrufen zu lassen.

Gatte geht gnadenlos in die bereits an anderer Stelle beschriebene Niedlichkeitsfalle. Die struppige Hündin liegt draußen in der Einfahrt und genießt die ersten Sonnenstrahlen, während ich auf Knien Wildkräuter rupfe.

„Ich hab ihr mal ne dicke Decke hingelegt. Zu kalt sonst. Und viel zu hart.“

Ächzend richte ich meinen fast 50-jährigen, aber noch recht ansehnlichen Körper auf und blinzele gegen das Sonnenlicht. Kann sein, dass es am grellen Frühlingslicht liegt, aber auf meiner flauschigen Felldecke, die des Abends schon mal meine müden Knochen wärmt, liegt nun draußen das Fiee und grunzt gemütlich. Myriaden schwarzer Haare bohren sich vor meinen wenig entzückten Augen in meine bis dato makellose, duftige Decke.

„Du hast dem räudigen Köter nicht meine Felldecke auf die Steine gelegt, oder?“

Ein spitzer Stein piekst sich böse in meine Knie (ja, ich verrichte diese niederen Arbeiten völlig ungeschützt am kalten Boden), packe den Griff meiner Rosenschere etwas fester und überlege, ob nicht andernorts ein kleiner Finger für solche Verfehlungen des Ehepartners verlustig geht.

Gatte ragt hoch über mir auf und schaut unbeeindruckt auf mich herab.

„Doch, klar. Siehste doch.“

Nicht mal eine Rechtfertigung. Null Unrechtsbewußtsein. Die Straßenprinzessin gähnt, rappelt sich auf und trabt zu ihrem Gönner, dessen Gesicht sich aufhellt, als die schwarze Schnauze sich liebevoll an seinem Bein reibt.

Plötzlich habe ich eine Ahnung, wie Aschenputtel sich gefühlt haben mag. Allerdings war Cinderella liebreizend und duldsam. Diese beiden Wörter kenne ich jedoch nur aus dem Lexikon. Bevor ich noch zu diskutieren beginnen kann, erklärt mir der Mann, mit dem ich bislang ganz gut gelebt hatte:

„Sie braucht natürlich auf Dauer was Besseres. Möhrchen liegt echt gern draußen und da darf sie ja von unten nicht kalt werden. Und von oben nicht nass.“

Ungebeten erscheint vor meinem geistigen Auge eine grob gezimmerte Holzkiste. So einen knappen Meter lang, 60cm breit, ordentlich zugenagelt. Sowas meint Gatte vermutlich nicht.

„Ich hab schon geguckt. Eine schnöde Hundehütte will ich nicht. Passt nicht zu ihr.“

Seine Hand versinkt in ihrem zotteligen Fell und der Keilof (jawoll, so nennt man in meiner Heimat einen Köter) drängt sich vertrauensvoll an des Gatten Bein.

„Sie soll eine richtig schöne Sonnenterrasse haben. Also…so eine Art Schwedenhaus mit überdachter Veranda.“

„Wir haben da hinten eine Holzterrasse. Kann sie nicht einfach da liegen?“

„Näääääääh“, spricht Gatte gedehnt „da hat sie ja keinen Blick aufs Tor. Das hat sie gern.“

„Aha. Und warum liegt sie dann nicht einfach vor der Haustür wie tausende andere Hofhunde auch?“

Mitleidig schüttelt der Mann, bei dem ich wohne und den ich offenbar überhaupt nicht kenne, den Kopf.

„Geht nicht. Dann kann sie ja nicht zugleich auf ihr Land gucken.“

Ihr Land? Ich überlege fieberhaft. Gut, gestern hatte ich ein, vielleicht zwei Gläser Sekt. Aber wirkt sich das in meinem Alter so dermaßen dauerhaft auf die Wahrnehmung aus? Ich will einwerfen, dass das Stück Lehm, das wir etwas großkotzig unseren Garten nennen irgendwie der Bank gehört, komme aber nicht dazu.

„Hab schon was bestellt, im Internet. Es ist ein Chalet. Und außerdem ein neues Körbchen. In dem alten Ding sind ja die Welpen geboren worden. Ich find, da soll das Möhrchen was Frisches haben und außerdem war das so ein no-name-Liegeplatz. Das neue ist eine echte Schnudde. Bewährte Qualität. Hatten unsere anderen Hunde ja auch!“

Wortlos bleibe ich zurück, auf Knien, im Dreck.

Gatte geht ins Haus und der ungarische Zuwanderer folgt ihm, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Vermutlich müssen die Zwei noch im Internet nach Swarovski-Halsbändern stöbern.

2 Kommentare zu „My home is my chalet

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