Auf und davon

Dieser Beitrag ist streng geheim. Bitte den Link nicht teilen oder anderen empfehlen, denn: ich habe mich strafbar gemacht. Und zwar gleich mehrfach.

Letzten Samstag schlockerte die Straßenprinzessin mit den Ohren und zwar nicht, weil ich irgendetwas Ungewöhnliches erzählt hatte, sondern einfach so.

Immer wieder.

Mist: Ohren entzündet, ab zu Onkel Horst, der soll sich ja schließlich demnächst ein Haus auf Malle kaufen können.

Wie so oft, wenn unangenehme Dinge rund um den Hund anstehen, jagt Gatte seinen Vergnügungen nach, so auch dieses Mal. Also verfrachte ich die Prinzessin in den Hundetransporter und drücke lässig den Knopf, der die Klappe schließt. (Ja, Gatte hätte sehr gern, dass auch an mir ein solcher Knopf sein möge, aber leider ist das bei mir keine Serienausstattung und so ist meine Klappe quasi nie zu.)

Kurz bevor es losgehen kann, wittert meine Ungarin Morgenluft und nutzt das Tor zur Freiheit. Ungeahnt wendig und wieselflink flitscht sie aus dem Heck, hechtet zum bereits geöffneten Hoftor und -schwupps- entschwindet ohne einen weiteren Blick zurück zu mir.

Da ich ein ungeheuer kühl und nüchtern denkender Mensch bin, lasse ich die Autoschlüssel einfach stecken, dazu meine Handtasche nebst Wagenpapieren. Der Pelztiertransporter fährt mit Diesel, sowas klaut ja heutzutage kein Mensch. Vorsichtshalber lasse ich mein Portemonnaie und die Hausschlüssel auch offen zurück, damit ein potentieller Dieb nicht völlig verzweifelt, weil außer dem bösen Klimakiller nix zu holen ist.

Im gestreckten Galopp renne ich hinter der Straßenprinzessin her, nichts als die leere Hundeleine an mir und sehe ihre weiße Schwanzspitze freudig erregt in Nachbars Einfahrt verschwinden. Leider haben meine Ledersohlen (ja, Onkel Horst residiert in der Stadt, da mach ich mich natürlich fein!) keinen rechten Grip und ich strauchele, während die ehrlose Möhre sich mir mit lässigem Grinsen (ich schwöre!) entzieht.

Mancher erinnert sich: ich bin Profi!

Zahllose Hunde durchliefen bei mir erfolgreich Erziehungskurse, ich hab so viele Pokale für bestandene Gehorsamsprüfungen gewonnen, dass ich sie wegwerfen musste, weil kein Platz mehr war. (Anmerkung der Redaktion: klingt nach der üblichen Angeberei, stimmt aber ausnahmsweise echt.)

Natürlich renne ich meinem entwichenen Pflegling nicht hinterher. Mit -wie ich bang hoffe- lockender Stimme säusele ich honigsüß „Möööööhrchen….komm doch mal her….“

Sie sieht mich aus listigen Augen an und wendet sich ab.

„Keine Zeit. Zu viel zu entdecken.“

Samstags ist auf der Straße wenig los, aber dennoch erliege ich beinahe dem frühen Herztod, als das Mistvieh, das ich übrigens von der RiesenSchnauzerNothilfe quasi nur in Pflege habe, geschäftig die Fahrbahn kreuzt, um im Wald zu verschwinden. Erwähnte ich, dass ich via Vertrag dazu verpflichtet bin, das Tier stets gut gesichert an der Leine zu halten?

Ich bin Atheistin. Dennoch bete ich darum, dass nun ausgerechnet in diesem Moment kein Reh des Möhrchens Weg kreuzen möge. Gott bewahre!

Schlagartig öffnet sich die Wolkendecke und ein fetter, ziemlich verschlagen dreischauender Himmelsbote grinst mich an.

„Na? Jetzt würdeste glatt ne Eingabe ganz oben machen, was? Warst Du nicht vor kurzem aus der Kirche ausgetreten?“

Mein Mittelfinger juckt heftig, aber ich balle die Hände zu Fäusten und trabe hinter meiner Schutzbefohlenen her. Keine Zeit jetzt für religiöse Spinnereien.

Richtig munter wackelt die weiße Schwanzspitze gute 50 Meter vor mir über den Waldweg, den sie sonst nur angeleint erleben darf.

Wieder locke ich, mach den Hampelmann, ziehe mir imaginäre Spielsachen aus den Rippen, kehre dramatisch um, mache alles, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und bin sicher, wenn nun ein Spaziergänger daher kommt, lande ich umgehend für längere Zeit in der Klapse.

Alles umsonst.

Die Straßenschlampe trabt unbeeindruckt voran.

Es ist einer der ersten wärmeren Tage, mir läuft der Schweiß (vor Angst und Wut, ganz egal!) in Strömen herunter und ich weiß genau, wenn sie irgendwann hoch in den Wald abbiegt, habe ich verloren. Ich stelle mir vor, wie die Repräsentanten der RiesenSchnauzerNothilfe tadelnd den Kopf schütteln. Die Käufer meiner Welpen werden mich zur persona non grata erklären. Freunde werden sich abwenden. Wie konnte ich nur….?

Möhrchen schnuppert hier und da an einem Blümchen und ich versuche unauffällig, den Abstand zu verkleinern. Jedes Mal, wenn ich ihr näher komme als 20 Meter, legt sie ein paar lockere Galoppsprünge ein und grinst hinterlistig. Das Vieh hat den besten Samstag seit langer Zeit.

Während ich noch überlege, woher der verdammte Mythos des ach-so-dankbaren Tierheimköters kommt, erreicht Möhrchen die Weggabel, an der wir uns üblicherweise nach rechts wenden, um die Straße erneut zu queren.

Links: ewige, bergische Wälder voller Wild.

Rechts: die Straße. Ewige Jagdgründe sozusagen.

Sie bleibt stehen – verhofft, wie der Jäger sagt. Sieht zu mir, unschlüssig.

Und ich hab inzwischen alle Stimmungen durchlaufen.

Mir egal. Ändern kann ich es eh nicht. Also kehre ich um.

Getrampel hinter mir. Fröhliches Gehechel. Leuchtende Augen.

Straßenschlampe.

Ich widerstehe dem sehr mächtigen Impuls, nach ihr zu greifen und sie direkt an Ort und Stelle zu zerlegen. Aber ich weiß, das Spiel beherrscht sie besser. Stattdessen gehe ich weiter und beachte sie nicht, bis sie beginnt, mich mit der Schnauze anzustupsen.

Sie hat einfach mordsmäßig gute Laune und sprüht vor Vergnügen.

Endlich leine ich sie mit einem satten Klick des Karabiners an und googele in Gedanken schon mal „die 1000 besten Rezepte für zarten, ungarischen Hundebraten“.

„Wenn wir nach Hause kommen und die Karre ist weg, ziehst Du ab sofort ne Kutsche, Madame“, prophezeie ich ihr.

Sie schüttelt den Kopf. „Ich hab Ohrenschmerzen“, verkündet sie, „deswegen höre ich auch nicht.“

„Hoffentlich tut‘s richtig weh. Ich sorg dafür, dass Onkel Horst Dir Terpentin reinkippt“, verspreche ich.

Am Himmel werden die Wolken dichter. „Ganz schön bösartig für jemand, der grad richtig Glück hatte“, ertönt es donnernd von oben.

Ich ziehe den Kopf ein und mache, dass ich aus dem Wald komme. Immerhin will ich Onkel Horst nicht noch länger warten lassen.

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