Sicherungsverwahrung

Aus einem Knast in Berlin entweichen immer mal wieder Häftlinge mit großer List. Kürzlich war es gar so, dass man erst mal in Ruhe nachzählen musste, um überhaupt die Zahl der Getürmten zu bestimmen. Das hielt ich noch vor kurzem für einen ungeheuerlichen Skandal.

Wie, bitte schön, kann man den Überblick über seine Insassen verlieren?

Und warum, bitte schön, gestaltet man deutsche Gefängnisse nicht ausbruchssicher? Immerhin sind wir doch weltweit für unsere Organisation und Ordnung bekannt. Ein Muster an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Es sei denn, man will in Berlin auf einem bestimmten Flughafen landen.

Gut, Schlamm drüber.

Die Pelztiere leben hier im Überfluss. Alles, was ein moderner Knast zu bieten hat und mehr: Fußbodenheizung, flauschige Decken, Radio den ganzen Tag, Auslauf nebst Freigang im idyllischen Tal, feinste Futterauswahl und dazu noch ein Animationsprogramm, gegen das der Robinson-Club wie eine öde Trauerfeier wirkt. Dennoch wurde kürzlich den Tieren die Tristesse des Knastologen-Daseins zu viel.

Ich war mit Gretchen und Bärbel (den beiden attraktiven, rothaarigen Pelzträgerinnen) im Wohnzimmer und erfreute mich an ihrem lebhaften Wesen. Gatte ging dem Broterwerb nach und zischte in regelmäßigen Abständen: „Ich will telefonieren, sag denen sie sollen gefälligst still sein!“

So unentspannt, der Mann! Dabei toben die zwei doch so niedlich.

Mein Blick fällt also durchs Fenster, wo Mutter Möhre wie eine Wilde durch den Garten fetzt, Haken schlägt und famos die Wiese umpflügt. Hach. Mein Herz schmilzt. Wie glücklich und zufrieden sie spielt, endlich hat sie ein schönes Leben.

Äh.

Mit wem spielt die denn da?

Bärbel nutzt meine Unaufmerksamkeit und zerrt das Schafsfell vom Sofa. Grete stürzt sich mit Gebrüll auf das seit bereits geraumer Zeit verschiedene Schaf und tötet es erneut. Doppelt hält besser.

Möhrchen ist gar nicht allein. Sie dreht irre Kreise um…einen der Welpen…?

Ich springe auf und meine Gedanken hüpfen ebenso wild im Kreis wie Bärbel, die das Schaf mittels Urinprobe markiert, während Grete sich einen Apfel von der Schale am Beistelltisch greift und damit unter das Sofa eilt.

Verdammt. Was zuerst? Ich bin über 40, ich kann nicht mehr alles zeitgleich. Wie immer, wenn es brennt, telefoniert der Gatte mit den USA.

Ich beschließe, dass das Schaf eh nicht zu retten ist und überschlage, dass Grete und der Apfel sicher bestens miteinander klarkommen.

Ein wenig hektisch verlasse ich das Haus. Der Garten ist zwar sicher eingezäunt, aber Gefahren wie der Kellerabgang lauern überall. Ich stelle mir vor, dass die RiesenSchnauzerNothilfe nicht amused ist, wenn ich denen fröhlich erkläre, es sei nun einer weniger zu vermitteln.

Auf dem Gartenweg trabt mir mit flatternden Ohren ein fröhlicher Frosty entgegen.

„Hi. Ich schau mir mal alles an“, sagt er lässig.

„Wie kommst Du überhaupt hierher?“ herrsche ich ihn an und wuchte den zarten 14-Pfünder hoch.

„Cool bleiben“, hechelt er „wir wollten nur mal gucken…“

„Wir?“

Hektisch sehe ich mich um. Möhrchen schlägt Haken wie ein Häschen um Ludwig herum, der nun doch ein wenig unglücklich aussieht.

„Mama ist ein Tornado“, teilt er mir mit schrägem Grinsen mit.

Ich lasse Frosty über den Zaun zu den anderen plumpsen und greife mir Ludwig. Etwas zu viel Aktionismus meinerseits, denn ich rutsche auf der eisigen Mischung aus Schnee und Matsche aus und lande im Nassen. Ludwig rette ich natürlich, er landet sanft auf meiner üppigen Polsterung und quietscht vor Vergnügen.

„Noch mal!“ verlangt er.

Ich rappele mich auf und befördere den Delinquenten ebenfalls zu seinen Geschwistern. Die Straßenprinzessin jagt noch immer um den Apfelbaum herum, wo etwas sehr fettes, schwarz-weißes auf der Baumbank hockt. Schiele oder halluziniere ich?

Das doppelte Lottchen: Else und Milka, die beiden schwarz-weiß-grauen Damen residieren gemeinsam auf der Bank.

„Wie zum Donnerwetter seid Ihr entkommen?“ Die Damen schweigen pikiert.

Ich packe mir Else, um sie in den Vollzug zurück zu führen, während Milka das Kabel für die Baumbeleuchtung einem Stresstest unterzieht. Es ist eisekalt, aber mir steht der blanke Schweiß auf der Stirn.

Endlich habe ich auch Milka wieder hinter Gitter verfrachtet, als Mini auf den Spieltraktor klettert und sich wagemutig in die Freiheit schwingen will.

„Ok, das langt. Keine mildernden Umstände mehr, keine Hafterleichterung. Ab sofort vegetiert Ihr ohne die Wippe und den Trecker im Auslauf, wenn Ihr damit nicht umgehen könnt.“

Mit etwas Wut im Bauch entferne ich die genannten Spielzeuge aus dem Auslauf. Hansi schaut mit großen Augen zu.

„Aber das ist doch voll nicht korrekt, wenn wir da jetzt alle drunter leiden müssen!“ Sein seelenvoller Blick trifft mich schräg von unten.

„Mensch, mach Dich mal locker, Mutti.“ Frosty fläzt sich im Tunnel und versucht wieder mal, mich um seine samtige, weiße Pranke zu wickeln.

„Nix da. Was Euch alles passieren könnte!“ Ich hole tief Luft und will aufzählen, da steigen Frosty und Willi an mir hoch und atmen mir mit ihren weichen Nasen ins Ohr. Grad will ich weich werden, da höre ich aus Richtung Haus den Gatten im Wohnzimmer toben. So unentspannt, der Mann!

„Seid Ihr bekloppt? Was ist denn hier los, verdammt?“

Huch. An Gretchen und Bärbel hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht.

Frosty leckt mir über die Wange. „Mach Dir nix draus. Bald sind wir alle weg. Und Du wirst uns bestimmt vermissen.“

 

Ich sage nichts dazu. Ich will ihn nicht enttäuschen.

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