Lügenpresse

Es ist mal wieder Zeit für den Bildungsauftrag. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bezahlen wir ja alle gemeinsam und deswegen müssen die von dort ja dafür sorgen, dass wir dummen Deutschen bei Gelegenheit dichter und denker werden. Ganz dicht sind wir ja meist nicht und…ach, was soll’s.

Wenn ein Züchter ein süßes, kleines Lamm aufzieht, rückt dafür kein TV-Team aus, solange die Mutter nicht zumindest zwei Köpfe hat und der Vater nachweislich zugleich Regierungschef eines ostafrikanischen Staates ist. Oder sowas.

In solchen Fällen trampeln sich die Paparazzi natürlich gegenseitig nieder, um Fotos zu machen, während die RTL2 Reporter nicht nur vor Ort sind, sondern auch die Hintergrundstory der Liebesgeschichte gnadenlos aufdecken.

Irgendwie schweife ich ab.

Elf poplige Mischlingswelpen sind jedenfalls per se kein Quotengarant.

Süß hin, niedlich her.

Nun bin ich quasi semi-professionelle Medientante und habe eine nicht zu leugnende kriminelle Ader. Also kontaktiere ich das lokale TV und lasse nicht unerwähnt, dass die 11 kleinen Rüben von der RiesenSchnauzerNothilfe aus Ungarn dem Sensenmann in einem zähen Kampf entrissen wurden. Naja, so ähnlich. Immerhin wäre Publicity für die Tierschutz-Orga ganz gut.

Ha!

Die hingestreuten Infokrümel wurden offenbar geknabbert und meine Falle schnappt zu.

Binnen 24 Stunden meldet sich eine nette Frau von der WDR Lokalzeit Bergisches Land und möchte mehr wissen. Natürlich erzähle ich die (nun mal wahre) Geschichte von Möhrchen in der ungarischen Tötungsstation, lasse nicht unerwähnt, dass das Mutterschiff nebst Füllung an und für sich hätte über die Wupper gehen sollen.

Bingo.

Zwar kann ich keinen Welpen mit acht Beinen bieten und leider können die Viecher auch nicht Rilke aufsagen, aber es langt für einen Bericht.

Wer jemals „in Fernseh“ war, weiß: für eine klägliche Minute TV-Zeit braucht es mindestens eine Stunde Dreh. Frau Biermann schlägt also zur vereinbarten Zeit am Kotten auf und wuchtet ihr Equipment ins Wohnzimmer.

Kameramann? Fehlanzeige.

Ton? Selbst ist die Frau.

Ist halt öffentlich-rechtliches TV, da soll die Freiberuflerin sehen, wie sie klarkommt. Wir gehen ins Welpenhaus, knuddeln die Pelztiere, zeigen Gewichtstabellen vor, beten die Geschichte rauf und runter.

Wacker wird gefilmt, was offenbar sehenswert ist:

Möhrchens Möpse (sehr zerschunden, aber das waren die Welpen, das war nicht der böse Sensenmann!) werden gesalbt. Frau Biermann dreht.

„Oh, ein Häufchen! Können Sie das nochmal für die Kamera aufheben?“ Au ja! Ich jubiliere. Offenbar will ganz NRW zusehen, wie ich einen Kackhaufen wegräume. Immerhin sind keine Spaghetti mehr drin. Hoffe ich. Frau Biermann dreht.

Ich nehme einen der Ableger auf den Arm. Frau Biermann dreht.

Es folgt ein ausführliches Interview, bei dem der Gatte mich fröhlich vorschiebt.

„Mach Du mal, ich muss noch bei meinen Briefmarken dringend die Zähne zählen.“

Die manipulativen Fragen erkenne ich direkt als solche – immerhin bin ich ein Weib und stelle selbst ständig welche.

„Ist Möhrchen für Sie sowas wie eine Heldin?“

Schluck.

Wenn ich jetzt die Wahrheit sage, wird der Bericht entweder unsendbar oder ich werde demnächst auf offener Straße mit Pflastersteinen beworfen. Mein Blick fällt auf das zottige Fellchen, das grad phänomenal furzt. Heldin?

Für mich ist sie ein Hund. Ein ganz netter.

Sogar leidlich hübsch, wenn man so was mag.

Aber heldenhaft? Sie hat im ungarischen Zwinger die Kiste hingehalten und sich gut gefüllt nach Deutschland verfrachten lassen. Wenn das heldenhaft ist, ist im Jugendamt Remscheid sicher jede Woche eine Konfettiparade für minderjährige, mittellose Mütter.

„Ja. Schon.“ Ich räuspere mich und strahle in die Kamera. Mit Mühe versuche ich, meinem Gesicht etwas Mütterliches, ja, Madonnenhaftes zu geben. Kann aber sein, dass ich jetzt wie Mutti Merkel aussehe oder wie jemand, der echt schlimme Blähungen hat.

„Wie finden Sie denn, dass in einem europäischen Land Tiere einfach so ermordet werden?“

Röchel.

Wenn ich jetzt die Wahrheit sage, kommen wir darauf, dass in gewissen Ländern der Lebensstandard für Menschen so gering ist, dass man irgendwie nachvollziehen kann, wenn für Tiere nicht grad noch ein Döschen Sheba mit Petersilie gekauft wird. Ich bin überzeugt, dass es in Ungarn Kinder gibt, die nicht so komfortabel hausen wie die fellige Fussballmanschaft, die bei mir residiert. Das alles ist aber nur meine innere Stimme.

„Versau das jetzt nicht“, raunt diese Stimme mir eindringlich zu. Gehorsam antworte ich mediengerecht.

„Schlimm. Echt.“ Nun aber traurig gucken und den Kopf etwas schräg legen. Passt schon. Bingo. Ich bin jetzt Teil der Lügenpresse. Auch schön, mal so mittendrin.

Ich schaue zum Gatten herüber, dessen Augen zu schmalen Schlitzen verengt sind. Still schüttelt er den Kopf. Der wird mir nie wieder im Leben auch nur die kleinste Lüge abkaufen nach dieser Vorstellung.

Schlussendlich, nach über drei Stunden ist die nette Frau vom TV wieder weg. Die Fangemeinde hechelt und lechzt nach dem Tag der Ausstrahlung; mir graut leise davor und so bin ich nicht böse, als der Beitrag verschoben wird.

Am Valentinstag ist es dann doch endlich soweit und wir halten eine Familienpackung Tempos für den Tränendrüsenbeitrag bereit: 11 süße, kleine Hundebabies flimmern über den Schirm. Wir erfahren, dass Mama Möhrchen sich von den Straßen Ungarns bis ins Bergische gekämpft hat.

Aha.

Mein Blick wandert wieder zu dem Fellhaufen, der genüsslich schnarchend die Couch okkupiert und ich stelle mir vor, wie sie sich zu Fuß durch meterhohen Schnee mit dem Kompass in Budapest aufgemacht hat. Da werd ich noch mal mit der RiesenSchnauzerNothilfe reden müssen. Dort war von einer recht kommoden Autofahrt die Rede gewesen, aber wer weiß.

Der Beitrag ist am Ende.

War gar nicht so schlimm, echt nicht. Sogar ganz schön. So nett gemacht, dass er tags drauf noch bei „hier und heute“ läuft und vermutlich bis Ende Februar immer dann irgendwo über den Sender dudelt, wenn drei Minuten mit Feelgood-Quatsch zu füllen sind.

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