Rabenmutter

Rabenvögel haben in der Mythologie einen festen Platz, oft symbolisieren sie die Weisheit und Intelligenz. Manche finden die lackschwarzen Vögel unheimlich, aber Fakt ist, dass diese höchst intelligenten Tiere sich bestens um ihre Brut kümmern.

Insofern ist der Ausdruck Rabenmutter also ausgesprochen despektierlich.

Möhrchen teilt die Farbe ihres Fells mit der Familie Corvus, wie man die Rabenvögel auch nennt. Ja, sage niemand, in diesem Blog gäbe es nichts zu Lernen. Nun ja, dieser Punkt wäre für heute abgehakt. Kommen wir zum Kern.

Unser Mutterschiff ist also ebenso nachtschwarz wie eine Saatkrähe und selbstredend ebenso intelligent. Vermutlich sogar deutlich cleverer.

Denn sie hat schon einige Zeit nach der Geburt herausgehabt, dass ihre erstklassige Entbindungsklinik auch die volle Betreuung ihrer Brut übernimmt, wenn Madame sich mal eine Auszeit gönnt. Und Auszeiten braucht die moderne Mutter!

Kaum sind die ersten 14 Tage vorbei, ist auch Möhrchens Besorgnis um die quakenden Blagen deutlich abgekühlt. Lässig liegt sie auf der Couch, ein Auge geschlossen und eines auf ihrem Personal, um die nächste Mahlzeit nicht zu verpassen.

Die Miniwölfe heulen, quietschen, schreien und die pelzige Milchtheke rollt sich grunzend auf die andere Seite.

Nicht meine Baustelle. Milchbar geschlossen. Wenn es doch hier nur nicht so ätzend laut wäre!

Naja. Geschlossen ist die Theke eigentlich nicht. Wo die Straßenprinzessin geht und steht, tropft der kostbare Nektar auf den Boden. Liegt sie auf dem Sofa, versickert der Milchsee wie einst in der EU auf Nimmerwiedersehen.

Der Gatte erinnert sich an sein Studium und sucht im Internet nach Formularen, um EU-Subventionen für Milchvieh zu beantragen.

Derweil übe ich mich in Engelszungen und überrede das Mutterschiff, auf einen Sprung beim Jungvolk vorbei zu schauen und siehe da: seufzend steht sie auf -tropf- reckt sich, dass es eine Wonne ist -tropf- trabt lässig an die Wurfkiste -tropf- und hält ihren Kopf hoheitsvoll ihrem prächigen Nachwuchs entgegen. Die Kleinen können inzwischen laufen und in der Wurfkiste brodelt es wie in einem Frittenkorb, der ins heiße Fett getunkt wird.

„Mama ist da! Mama ist da! Mama ist da!“

Das Geschrei hört man in der ganzen Nachbarschaft und ich schwöre, an einem trüben Mittwochmorgen hat sogar ein besorgter Mitarbeiter des städtischen Jugendamtes angerufen, um sich mit strenger Stimme über die Ursache für das herzzerreißende Geschrei der Schar zu erkundigen.

Was nun folgt, ist vermutlich schlicht eine Geduldsprobe für meine Nerven. Wer mich kennt, der weiß, dass Geduld eine meiner größten Tugenden ist. Meinen Blutdruck in Wallung zu bringen, gelingt nur selten. Phlegma sei mein Name.

Möhrchen steigt einmal in die Wurfkiste -tropf, tropf, tropf- dreht eine Ehrenrunde, in der die gescheckte Meute wie wild der verheißungsvoll schaukelnden Milchbar folgt und -hopps- entzieht sich der Blagerei.

Ich bleibe völlig gelassen und mir ist klar, dass Gewalt keine Lösung ist. Wenn ich das verwöhnte Rabenvieh erschlage, sind die Welpen noch immer nicht satt.

Und das Mädchen kann doch nichts dafür; viel zu früh wurde sie Mutter und das kennt man ja von den schlimmen Geschichten auf RLT2: wenn Teenies Kinder kriegen, droht das Chaos.

Au weh. Hoffentlich ruft demnächst nicht ein Redakteur des Krawallsenders an und will mir eine mit Zwillingen schwangere 14jährige aufs Auge drücken, um den Spaß als Doku zu filmen.

Ich erwäge, wie lange die von der RiesenSchnauzerNothilfe wohl brauchen, um hier aufzuschlagen und die ganze Karnevalsgesellschaft nebst Mutter einfach abzuholen. Aber als ich die Nummer meiner Pflegestellen-Betreuerin wähle, ertönt ein „kein Anschluss unter dieser Nummer“.

Mist, die lesen bestimmt den Blog.

Ach ja: eine Redakteurin hat dann tatsächlich einige Tage später angerufen. Allerdings eine öffentlich-rechtliche. Aber davon demnächst mehr.

4 Kommentare zu „Rabenmutter

Gib deinen ab

  1. Ich komme gerade aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Irre toll geschrieben! Und die Rasselbande nebst der Prinzessin auf der Möhre, äh soory, meine natürlich Möhrchen und ihre Welpen, sind einfach wunderbar. Ich freue mich auf weitere Berichte und wünsche den Protagonisten wundervolle Adoptiveltern!

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  2. Danke für die guten Wünsche! Wie ich inzwischen weiß, wird mindestens eine der Erbsen bei uns in der Nähe aufwachsen. Und die Prinzessin von der Möhre bleibt ja bei uns. Also werden uns die Geschichten sicher nicht ausgehen….

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  3. Selten so herzlich gelacht. 😃
    Ist für mich sehr lehrreich, wir haben jetzt schon 2 „Gebrauchthunde“, die durchaus gewöhnungsbedürftig sind. Die haben mittlerweile ein stolzes Alter erreicht und bei uns in der Küche stehen mehr Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente, als man sich vorstellen kann. Es gibt bestes Rindfleisch und auch sonst den vollen Service.
    Wir sind eindeutig verrückt, aber scheinbar nicht nur wir.

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