Lieferung noch vor Weihnachten

Große Online-Versandhäuser garantieren ja gern die zeitnahe Lieferung. Zeitnah…Sind Sie vor 1970 geboren? Dann kennen Sie dieses Wort auch noch nicht aus Ihrer Schulzeit.

Möhrchen ist allerdings vermutlich Ende 2016 geboren und ist voll im Thema. Zeitnahe Lieferung ist für die ungarische Straßenprinzessin also gar kein Thema.

Kaum hat sie sich eine Woche bei uns eingenistet, fällt zuverlässig ihre Körpertemperatur und wir wissen: die Geburt wird innerhalb der kommenden 24 Stunden stattfinden. Nett von Madame, oder? Allerdings ist das dann auch so ziemlich das Einzige, das Möhrchen exakt nach Plan stattfinden lässt.

Gut. Vermutlich hat sie in Ungarn im Tierheim anderes zu tun gehabt, als sich um den vorschriftsmäßigen Ablauf von Geburten zu kümmern und weiß es einfach nicht besser.

Jedenfalls bleiben wir total cool. Sie erinnern sich?

Wir sind ja Profis!

Die Temperatur fällt jedenfalls wie im Lehrbuch. Gatte und ich aalen uns in unserem Halbwissen und protzen online: vor heute Abend geht das nicht los. Wir richten uns auf einen gemütlichen Nachmittag ein mit Häppchen und Serien.

Möhrchen hechelt. Klar. Wehen. Die Profis nicken wissend.

Die Wurfkiste steht natürlich bereit, dazu alles, was der erfahrene Züchter so braucht.

Während ich überlege, ob ich ein paar Hefeteilchen backen soll, um die ellenlange Wartezeit bis zur Geburt zu überbrücken, höre ich ein komisches, nasses Geräusch.

So ein Schmatzen, gefolgt von einem kurzen Schrei.

Möhrchen sitzt vorschriftsmäßig in der Wurfkiste (wir haben ihr gesagt, dass man das als Gebärende so tut) und glotzt hinter sich.

Ich auch. Also…nicht hinter mich, da ist nix. Aber hinter Möhrchen. Und da liegt ein glänzendes, nasses Paket, an dem meine Straßenprinzessin jetzt herumleckt.

Zeitnahe Lieferung. Noch vor Weihnachten.

„Gatte!“ Ich versuche, nicht schrill zu klingen. Warum auch? Ich bin Profi. Die Sonne steht so hell am Himmel, wie sie es im Dezember kann und der erste Welpe ist geboren.

Vergessen ist alles andere. Ich klettere vorsichtig zum Möhrchen in die Kiste, streiche ihr sacht über ihren struppigen Kopf, abwartend, wie sie reagiert. Letztlich ist das eine völlig fremde Frau, die sich da zu ihrer Brut gesellt.

Und nun geschieht, was sich Worten entzieht.

Dieses Tierchen, das da grad den ersten Welpen geboren hat und instinktiv die Eihülle öffnet, sieht mir ins Gesicht. Leckt einmal kurz über meine Hand und lädt mich ein. Der Gatte, hilfreich wie immer, hockt still vor der Kiste. Manchmal genügt ein Blick.

Ich halte den kleinen Frischling so, dass mein Mädchen die Nabelschnur gut durchnagen kann und sie macht es perfekt. Eine braune Hündin, die sich vehement Luft verschafft und den ersten Atemzug nimmt. Bei uns. Wie so viele zuvor.

Und doch immer neu.

 

Stück um Stück bringt Möhrchen ihre Welpen zur Welt, einer buntgescheckter als der nächste. Wir staunen jedes Mal. Über das Farbspiel. Darüber, dass die Mutter anscheinend gar keine Wehen hat und doch zuverlässig Hundekind um Hundekind in die Wurfkiste legt.

 

Aber am allermeisten staunen wir aber, dass Raisa nun wirklich unser Möhrchen ist, das uns völlig vertraut, unsere Hilfe ohne Not akzeptiert.

Am Ende liegen 11 gesunde Hundekinder in unserer Wurfkiste, die wir nie wieder aufbauen wollten.

 

Dass es wirklich gute Gründe gab, die Hundezucht aufzugeben…davon mehr im nächsten Beitrag.

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